Günther Krupkat – Die große Grenze

Ein Genuss ist es, in dieses Buch einzutauchen. In vier Teile gegliedert entführt es uns in die Jahrzehnte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Fast der gesamte erste Teil nimmt uns mit in die .

Am Raketenstützpunkt Cape Caroline schrillen die Alarmglocken. Greifen sowjetische Interkontinentalraketen das amerikanische Festland an? Ist ein außerirdisches Raumschiff im Anflug? Oder haben Radaranlagen gesehen, wie der sowjetische Sputnik in den Orbit fliegt? Für Oberst Bosworth, den Kommandanten der Anlage bleiben Fragen offen.

Zeitsprung: Carry Bosworth, der Sohn des Oberst, ist mittlerweile Raketenbau-Ingenieur. In Berlin trifft er auf einer Tagung die Weltraummedizinerin Nina Saltkowa. Ihr Vater ist technischer Leiter von Utro, dem Kosmos-Startplatz der .

Sputnik
Sputnik

Spätestens ab hier habe ich immer wieder verwundert in das Impressum des Buches geschaut. Es stimmt tatsächlich: Die Geschichte wurde 1960 zum ersten Mal veröffentlicht. Und doch liest sie sich wie eine Retrospektive des „“ – so exakt prognostiziert Krupkat das Duell der USA mit der Sowjetunion bei der Eroberung des Weltalls. Ja, sogar den ersten Kosmonauten Juri Gagarin sagt Krupkat vorher – nur, dass er im Buch „Gorowin“ heißt.

Nach dem Start des Sputnik vergeht wenig Zeit bis zum Start des ersten Kosmonauten. Und obwohl die beiden Supermächte immer wieder friedliche Koexistenz und gegenseitige Hilfe bei der Eroberung des Weltalls propagieren, spielen die Amerikaner ein heimliches Spiel, um selbst an die Spitze der Entwicklung zu kommen.

Während im richtigen Leben US-Präsident Kennedy in seiner „Address at Rice University on the Nation’s Space Effort“ das Ruder herumreißt und die Nation auf einen Mondflug einschwört, reichen Krupkat in seinem Buch drei Leute: Oberst Bosworth, sein technischer Leiter und ein Assistent, die quasi zu dritt statt „Apollo“ die Operation „Big Brother“ aus dem Hut zaubern:

„Das Unternehmen wird zum Zeitpunkt X mit einer von drei Mann besetzten Rakete des Typs ,Ikarus’ gestartet. Erste Etappe: mehrmaliges Umfliegen des Mondes. Zweite Etappe: Landung auf dem Monde. Feierliche Flaggensetzung. Wird von den Fernsehsatelliten übertragen. Das muß klappen! Die psychologische Wirkung unseres Erfolges auf die Welt ist das Entscheidende. Dritte Etappe: Rückflug zur Erde.“

Wie gesagt: Das Buch wurde 1960 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Blick ins Buch. Die Illustrationen sind von Hans Räde.
Blick ins Buch. Die Illustrationen sind von .

Nach dem Start von Ikarus kommt es dann zur Katastrophe – und auch die hat wieder faszinierende, hellseherische Züge. Bei der Kollision mit einer Tank-Rakete, die „Ikarus“ für den Weiterflug zum Mond betanken soll, geht das Triebwerk hopps. Außerdem der Luft-Regenerator. Wer jetzt nicht an „Apollo 13“ denkt, hat die letzten zwanzig Jahre Hollywood- verschlafen.

Ab jetzt wird das Buch dann auch politisch. Die „Werktätigen“ des amerikanischen Stützpunktes verlangen Aufklärung von Leslie, dem heimtückischen, egoistischen technischen Leiter. Der wiederum versucht, das Unglück zu vertuschen. Carrys Vater, der mittlerweile General ist, lässt sich bequatschen – und unterschreibt den Befehl für die Fern-Vernichtung des Ikarus, und damit das Todesurteil für seinen Sohn, der als Pilot an Bord des Raumschiffs ist. Wenigstens besitzt er den Anstand, sich hinterher zu erschießen.

Die im Weltraum Treibenden dämmern dem unausweichlich scheinenden Tod durch Sauerstoffmangel entgegen und funken SOS. Können die Sowjets es schaffen, die Ikarus-Besatzung retten?

Gorowin vs. Gagarin
Gorowin vs. Gagarin

Da, wo das Buch eigentlich endet, schließt sich dann noch der vierte Teil an – der sehr kurz gehalten zwölf Jahre in die Zukunft springt, um jetzt mal reinrassig utopisch in die richtige, ferne Zukunft zu blicken: interstellare Raketen, Weltraumbahnhöfe an den Polen, Verwirrung wegen der Zeit-Dilatation bei lichtgeschwindigkeitsnahen Reisegeschwindigkeiten – das volle Programm eben. Auch wenn Krupkat hier den idealen Ansatzpunkt für eine eventuelle Fortsetzung aufschreibt, so ist der vierte Teil doch eigentlich für die Geschichte von „Die große Grenze“ verzichtbar.

Interessant ist, wie Krupkat hier nicht nur Cape Canaveral als Cap Caroline beschreibt, sondern auch schon Satelliten-Fernsehen vorhersagt. Drei geostationäre Satelliten ermöglichen unter anderem den Deutschen Weltfunk, nicht nur terrestrisch zu senden. Übrigens hat die Sendezentrale in Berlin ihren Sitz im ehemaligen RIAS-Gebäude. Und auf dem Mond und den erdnahen Planeten bewegen sich funkferngesteuerte Erkundungspanzer, die wir heute als Mars Rover kennen. Die Beobachtungen auf dem Mars bilden gleichzeitig die Klammer, die das Buch von vorn bis hinten zusammenhält.

Fazit: handwerklich spannend und sehr atmosphärisch geschrieben. Technisch ist die Geschichte so faszinierend, wie sie gleichzeitig Gänsehaut verursacht ob ihrer anscheinend hellseherischen Fähigkeiten, die tatsächliche Entwicklung des Wettlaufs in den Weltraum vorherzusagen. Klare Lese-Empfehlung!

Über das Buch

Die große Grenze - Günther Krupkat. Coverfoto.
Die große Grenze – Günther Krupkat. Coverfoto.

Im Jahr 1960 ist „Die große Grenze“ in der „Gelben Reihe“ bei „Das Neue Berlin“ erschienen, ein Jahr später schon kommt die zweite Auflage auf den Markt. Während andere Titel von Günther Krupkat in der immer wieder neu aufgelegt und auch in anderen Formaten erscheinen, bleibt „Die große Grenze“ in dieser wunderschön handlichen Form einmalig.

Ein sehr ähnliche Handlungsstrang und die gleichen Figuren wie in „Die große Grenze“ taucht auch vier Jahr vorher schon in der Erzählung „Gefangene des ewigen Kreises“ auf, die 1960 vom DDR-Fernsehen verfilmt wurde.

Über den Autor Günther Krupkat

Günther Krupkat
Günther Krupkat

In der Person Günther Krupkats vereinen sich die beiden Berufe, die für einen Science-Fiction-Autor offenbar die perfekte Mischung sind: Ingenieur und Schriftsteller. Am 5. Juli 1905 in Berlin geboren wuchs er direkt in die Zeit des Nationalsozialismus herein. Aus Geldmangel musste er sein Ingenieurstudium abbrechen und schlug sich als Fabrikarbeiter und Elektromonteur, aber auch als Reklametexter, Filmdramaturg und Journalist durch.

Eine erste utopische Erzählung („Od“) fiel 1924 bei den Verlagen durch, weil sie ideologisch zu weit links stand. Offenbar blieb er sich und seinen politischen Idealen auch in den Folgejahren treu: durch seinen Widerstand gegen die Nazis musste er in die Tschechoslowakei flüchten.

Nach dem Krieg lebte Krupkat in der DDR, beendete in Berlin sein Ingenieurstudium und arbeitete anschließend wieder für die Presse. Seit 1955 ist er freiberuflich tätig, vor allem im utopischen und phantastischen Feld.

Neben dem utopischen Arbeitsfeld tobt sich Krupkat auch anderweitig aus: 1957 erscheint mit „Das Schiff der Verlorenen“ ein Buch über den Untergang der Titanic. Ein Jahr später kommt dann „Das Gesicht“ heraus, dass er 1962 auch für das Fernsehen bearbeitet. 1960 wird das Schauspiel „AR 2 ruft Ikarus“ aufgeführt. Ein Jahr vor der Mondlandung beschäftigt er sich mit Fernsehspielen wie dem dreiteiligen Fernsehfilm „Die Stunde des Skorpions“, der Elemente seines Roman „Die Unsichtbaren“ verwendet und bei dem Krupkat auch Regie führt.

Auf seine Initiative hin gründete sich im DDR-Schriftstellerverband ein Arbeitskreis „Utopische Literatur“, dessen Vorsitzender er von 1972 bis 1978 war. 1985 gibt es als Lohn für die kontinuierliche Arbeit den Vaterländischen Verdienstorden in Silber.

Seine bekanntesten Werke, die in der Prä-Astronautik der DDR-Science-Fiction angelegt wurden, sind „Nabou“ und „Als die Götter starben“.

Andreas Reber hat sich auf seinem Blog Life in the 22nd century in der Autorenübersicht mit Günter Krupkat auseinandergesetzt. In der Wikipedia findet man den Autor. Auch in FictionFantasy.de gibt es einen Eintrag für ihn.

3 Kommentare zu „Günther Krupkat – Die große Grenze

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