Günther Krupkat – Als die Götter starben

Als die Götter starben - Buchcover - Günther Krupkat - Illustration: Martin Kotsch

Lange habe ich mich auf dieses Buch gefreut, jetzt habe ich es in einem einzigen Rutsch gelesen – und kann sagen: „Als die Götter starben“ ist einfach toll. Nicht nur, dass es eine wunderschöne Zukunftsvision der frühen 1960er Jahre erzählt, es knüpft auch noch einen historischen Thriller in die Handlung ein.

Kurz zur Geschichte: Der Ärchaologe Olden findet auf dem bei der Auswertung von Luftaufnahmen einen seltsamen Schatten. Bei der Untersuchung vor Ort stellt sie die Ursache des Schattenwurfs als Trümmer eines außerirdischen Raumschiffs dar. Bevor er das Wrackteil sichern kann, versinkt es bei einem Erdrutsch (oder Mondrutsch?). Der Historiker steht mit leeren Händen da.

Der Weltforschungsrat genehmigt im weiteren Verlauf Forschungen auf dem Marsmond . Von der Mondstadt Endymion (in der Krupkat schon 1963 eine Statue aufstellt zur Erinnerung an die drei (!) ersten Raumfahrer, die den Mond besuchten) startet er mit einer Truppe Vertrauter zum vierten Planeten. Dort entdeckt Olden durch Zufall Bauwerke tief im Inneren des Mondes. Und eine Kiste mit mikrofilmähnlichen Stäben.

Ab jetzt wird das Buch auch technisch noch mal eine Qualitätsstufe angehoben. Aus den Daten-Fragmenten auf den Stäben konstruiert Olden die Geschichte des Außerirdischen Termon, der vor sechstausend Jahren vom Doppel-Planeten -Ortu kommend ein Ausweichquartier für seine Zivilisation sucht, da die alte Heimat in Trümmer fällt.

Mit einer Erkundungsmission trifft er im Bekaa-Tal (ja, genau: das ist bei im heutigen ) auf die Ureinwohner der Erde („Imra“ in Meju-Sprache). Die Terassen von werden als Landestelle für das große Umzugs-Raumschiff der Mejuaner vorbereitet. Dabei treffen die Mejuaner auf den Kriegssklaven Leth und den Sohn des herrschenden Fürsten Sotas. Beide werden zu Vertrauten der „Götter“.

Mit solchen Kugeln reisen die Mejuaner zur Erde - Günther Krupkat - Illustration: Martin Kotsch
Mit solchen Kugeln reisen die Mejuaner zur Erde – – Illustration: Martin Kotsch

Während der Meju-Ortu (der seine Kreisbahn zwischen und Jupiter hatte, dort, wo lange ein Planet namens „Phaeton“ vermutet wurde und wo heute ein Asteroidengürtel ist) in einem Inferno auseinanderfällt, gehen auf den benachbarten Planeten Asteroidenschauer nieder – und zerstören nicht nur ganze Landstriche, sondern auch zwei der -Kugeln, die das Vorauskommando evakuieren sollen. So gehen die Götter in einem nuklearen Blitz unter.

Die große Frage am Ende des Buches bleibt: Wohin, wenn überhaupt, konnten sich die Mejuaner nach der Katastrophe ihres Sterns vor sechzig Jahrhunderten retten? Und wird Olden Hinweise auf Meju II finden können?

Kommen wir zu den kleinen Anekdötchen rund um die Lektüre. Interessant, weil selten, ist, dass die Geschichte der Gegenwart konsequent im Präsens erzählt wird. Toller Trick, den auch Journalisten gern anwenden, um die Handlung noch näher an den Leser zu bringen. Und obwohl Krupkat in seiner Geschichte weit vorausschaut, Raumschiffe mit Photonenantrieb heraufbeschwört und die Mejuaner über die Technik zur Gravitationsbeeinflussung verfügen lässt, sind im Forscherteam die Frauen für das Kochen verantwortlich.

„Heute hat Li Innendienst“, bemerkt Wera.

„O weh!“ stöhnt Olden. „Auch das noch!“

„Was haben Sie an Li auszusetzen, Erik?“

„An Li nichts. Nur an ihrer Kochkunst. Unter ihren Händen versagt selbst die modernste Küchenautomatik.“

„Na, na!“

„Doch, Wera!“, pflichtet Gombare bei. „Es ist sehr schlimm. Das erinnert mich immer an die barbarische Sitte unserer Vorfahren.“

„Barbarische Sitte?“

„Nun ja, so ein armer Mann musste zeitlebens essen, was seine Frau zubereitete. Es soll Männer gegeben haben, die einfach davonliefen und in ein sogenanntes Wirtshaus gingen. Dort aber war es auch nicht besser. Da lobe ich mir unsere Speiseautomaten. Ich gäbe viel drum, wenn ich heute auf der Erde essen könnte!“

Wera blinzelt ihm zu. „Im Vertrauen gesagt, ich auch. Ich glaube, in dieser Beziehung habt ihr Männer euch während der letzten zehntausend Jahre nicht verändert. Ob es auf anderen Sternen auch so sein mag?“

„Wie können Sie an der Gleichheit der gesetzmäßigen Entwicklung im All zweifeln!“ weist Olden sie lachend zurecht.

Zubringerraketen versorgen das Großraumschiff auf der Außenreede des Mondes - Günther Krupkat - Illustration: Martin Kotsch
Zubringerraketen versorgen das Großraumschiff auf der Außenreede des Mondes – Günther Krupkat – Illustration: Martin Kotsch

Zur Ehrenrettung von Krupkats Frauenbild: Wera ist Navigatorin des modernsten Raumschiffes, dass an der Außenwerft des Mondes die Forscher aufnimmt und zum Mars bringt.

Ein Roboter („RASA“, der beim Aufräumen auf dem Marsmond hilft, hat offenbar noch nichts von Asimovs Robotergesetzen gehört.

Und fast könnte man meinen, dass Gerhard Matzke sehr intensiv das Buch gelesen hat, als er selbst in seinem kleinen Jugendroman zum Marsmond Phobos aufbricht.

Auf der Erde, in den Rückblenden von Termon, machen wir dann auch klitzekleine Exkursionen in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit unter dem Blickwinkel des Klassenkampfs – aber auch hier ist Krupkat geschickt: es wird niemals aufdringlich.

Religiös wird es nicht nur bei den Betrachtungen zum Auftauchen der Götter aus dem Kosmos. Parallen zu biblischen Geschichten werden von Krupkat ebenso in die Handlung entwickelt. Jetzt wissen wir endlich faktisch, warum Sodom und Gomorrha untergingen, wie Loths Frau zur Salzsäule wurde, welche Rolle das Städtchen Qumran spielte – und wie das mit der Entwicklung des Toten Meeres, der Sumerer und des Zweistromlandes so war, dass vor sechstausend Jahren plötzlich einen irren Sprung in der technologischen Entwicklung hingelegt hat: Keilschrift, Astronomie, Götterkult, Tempelbauten, etc.p.p.

Über das Buch „Als die Götter starben“

Als die Götter starben - Buchcover - Günther Krupkat - Illustration: Martin Kotsch
Als die Götter starben – Buchcover – Günther Krupkat – Illustration: Martin Kotsch

Das in fünf Teile („Endymion“, „Phobos“, „Meju“, „Sodom und Gomorrha“, „Heliopolis“) gegliederte „Als die Götter starben“ erschien erstmals 1963 im Verlag Das Neue Berlin in der Gelben Reihe. Lektorin war Helga Hielscher und die Illustrationen, die ich für Geschmackssache halte, stammen von Martin Kotsch.

Wer sich für die Problematik der Terrassen von Baalbek näher interessiert, wird sicher auch bei Carlos Rasch fündig. In „Der blaue Planet“ konstruiert er im gleichen Jahr wir Krupkat eine Landung von Außerirdischen in der Bekaa-Ebene.

 

Über den Autor

Günther Krupkat
Günther Krupkat

In der Person Günther Krupkats vereinen sich die beiden Berufe, die für einen Science-Fiction-Autor offenbar die perfekte Mischung sind: Ingenieur und Schriftsteller. Am 5. Juli 1905 in Berlin geboren wuchs er direkt in die Zeit des Nationalsozialismus herein. Aus Geldmangel musste er sein Ingenieurstudium abbrechen und schlug sich als Fabrikarbeiter und Elektromonteur, aber auch als Reklametexter, Filmdramaturg und Journalist durch.

Eine erste utopische Erzählung („Od“) fiel 1924 bei den Verlagen durch, weil sie ideologisch zu weit links stand. Offenbar blieb er sich und seinen politischen Idealen auch in den Folgejahren treu: durch seinen Widerstand gegen die Nazis musste er in die Tschechoslowakei flüchten.

Nach dem Krieg lebte Krupkat in der , beendete in Berlin sein Ingenieurstudium und arbeitete anschließend wieder für die Presse. Seit 1955 ist er freiberuflich tätig, vor allem im utopischen und phantastischen Feld.

Neben dem utopischen Arbeitsfeld tobt sich Krupkat auch anderweitig aus: 1957 erscheint mit „Das Schiff der Verlorenen“ ein Buch über den Untergang der Titanic. Ein Jahr später kommt dann „Das Gesicht“ heraus, dass er 1962 auch für das Fernsehen bearbeitet. 1960 wird das Schauspiel „AR 2 ruft Ikarus“ aufgeführt. Ein Jahr vor der Mondlandung beschäftigt er sich mit Fernsehspielen wie dem dreiteiligen Fernsehfilm „Die Stunde des Skorpions“, der Elemente seines Roman „Die Unsichtbaren“ verwendet und bei dem Krupkat auch Regie führt.

Auf seine Initiative hin gründete sich im DDR-Schriftstellerverband ein Arbeitskreis „Utopische Literatur“, dessen Vorsitzender er von 1972 bis 1978 war. 1985 gibt es als Lohn für die kontinuierliche Arbeit den Vaterländischen Verdienstorden in Silber.

Seine bekanntesten Werke, die in der der DDR-Science-Fiction angelegt wurden, sind „Nabou“ und „Als die Götter starben“. Außerdem habe ich hier im Blog auch über „Die große Grenze“ aus seiner Feder geschrieben.

Andreas Reber hat sich auf seinem Blog Life in the 22nd century in der Autorenübersicht mit Günter Krupkat auseinandergesetzt. In der Wikipedia findet man Günther Krupkat hier. Auch in FictionFantasy.de gibt es einen Eintrag für Günther Krupkat.

3 Kommentare zu „Günther Krupkat – Als die Götter starben

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