Arkadi und Boris Strugazki – Atomvulkan Golkonda

Atomvulkan Golkonda - Buchcover - Arkadi und Boris Strugazki

Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Atomvulkan Golkonda ist ein großer Roman mitten aus der Ära der Fortschrittsgläubigkeit – und dabei (trotz Zensur, die wohl in diese Richtung wirken wollte) nicht zu weichgespült, sondern an manchen Stellen düster und einsam und teuflisch und grob.

Nach zwei Erzählungen ist das Büchlein der Roman-Erstling der Gebrüder Strugazki. Ähnlich wie bei Stanislaw Lem in Planet des Todes ist das Ziel der Reise und des Buches die .

Ende des 20. Jahrhunderts macht sich eine Expedition der mittlerweile kommunistischen auf den Weg zu Venus. Im Gepäck sind dabei zwei überragende Aufgaben: einerseits soll die siebenköpfige Besatzung die Überlegenheit des neuen Raumschiffs Chius unter Beweis stellen – andererseits sollen die Truppe um Pilot und Kommandant Anatoli Jermakow die Golkonda vermessen: einen riesenhaften, radioaktiven Vulkan auf der Vernus, der vor Rohstoffen für die danach lechzende Weltbevölkerung nur so strotzt. Golkonda ist der Name der legendären indischen Diamantenstadt, die der Nachwelt den Koh-i-Noor-, den Hope- und den Regent-Diamanten beschert haben soll. Sie wurde treffenderweise im Westen erstmals von dem russischen Handelsreisenden Afanassi Nikitin beschrieben.

Außerdem soll ein „Feldflugplatz“ angelegt werden, von dem aus die Ausbeutung des Vorkommens in großem Maßstab beginnen soll.

Wladimir Jurkowski, Michail Krutikow, Bogdan Spizyn und Grigori Dauge machen sich auf in die Weiten des Kosmos – jeder ein Individualist, in der Gruppe gibt es Spannungen. Aber als gute Kommunisten arbeiten alle Hand in Hand, wenn es um die tapfere Erfüllung ihrer Hauptaufgaben geht.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des Wüstenspezialisten Alexej Bykow, der auch in zwei weiteren Geschichten von den Strugazki-Brüdern begleitet wird. Der junge Mann ohne jegliche Raumflugerfahrung wird vom Küken der Mission zu einer Art Moderator – und am Ende zu ihrem Retter.

Die Schwierigkeiten, mit denen sich die Besatzung konfrontiert sieht, hätten jede einzelne für sich schon andere Crews zur Aufgabe bewegt. Aber die Sieben kämpfen sich, nicht ohne Opfer an Leib und Leben, durch die Hölle der Venus, die mit ihrem Rauchmeer und trostlosen Wüsten zeitweise ebenso drastisch und farbig geschildert wird wie Mordor und der Schicksalsberg von J.R.R. Tolkien im Herr der Ringe.

Was bringt der Roman an technischen Gimmicks mit? Nun, für einen 1959er Sowjetunion Westhang gibt es natürlich jede Menge strahlende Technik: Reaktoren, perfekte Spiegel zur Lenkung von Strahlung, hauchdünne Schutzanzüge und gläserne Helme – aber dafür auch Strahlenverbrennungen, sterbende Kosmonauten im All, denen keiner rechtzeitig zu Hilfe kommen kann und jede Menge exotische Probleme in der Funkübertragung. Auch sehr schön: mit dem neuartigen Raumschiff wird erstmals der Übergang vom orbital-elliptischen Flug zum linearen Flug im interplanetarischen Raum versucht. Und natürlich klappt er nicht auf Anhieb.

Aus einer ähnlichen Ära stammen etwa von Lothar Weise Das Geheimnis des Transpluto und deutlich weniger phantastisch von Günther Krupkat Die große Grenze.

Fazit

Wer – so wie ich – die Stimmung der optimistischen, aufbrechenden Endfünfziger mag, der sich keine Probleme in der in den Weg stellten, sondern nur Herausforderungen, der wird mit Atomvulkan Golkonda eine schöne Lektüre finden. Dazu kommt eine gute Entwicklung der Figuren (vor allem der Hauptfigur Bykow) und eine zumindest im zweiten Teil des Büchleins spannende Handlung.

Über das Buch Atomvulkan Golkonda

Atomvulkan Golkonda - Buchcover - Arkadi und Boris Strugazki
Atomvulkan Golkonda – Buchcover – Arkadi und Boris Strugazki

Atomvulkan Golkonda ist 1959 in der Sowjetunion unter dem Titel Страна багровых туч (wörtlich: „Das Land der Purpurwolken“) erschienen. In einer Mini-Serie um die Hauptperson Alexej Bykow erschien ein Jahr später Der Weg zur Amalthea, 1962 dann der Episodenroman Die Praktikanten.

In der erschien dann im Verlag Kultur und Fortschritt Berlin 1961 die deutsche Erstausgabe. Aus dem Russischen wurde sie von von Willi Berger übersetzt. Die Redaktion leitete Welta Ehlert, Charlotte Kinkel las Korrekur. Den Einband gestaltete Helga Klein, den Schutzumschlag Christoph Ehbets. Das in gelbes Leinen gebundene Buch umfasst 288 Seiten.

In der westlichen Hemisphäre schloss sich der Heyne-Verlag 1980 an. Die alten Versionen sind stark redigiert worden. 2012 ist dann in Berlin im Golkonda-Verlag (welch Zufall 😉 ) eine Fassung nach den Original-Manuskripten mit Kommentar von Boris Strugazki und mit einem Nachwort sowie Anmerkungen von erschienen.

Andreas Reber hat in seinem Blog wie immer eine sehr gute Rezension zu Atomvulkan Golkonda aufgeschrieben. Bei ihm fand ich auch diese Zusammenstellung der Illustrationen einer russischen Ausgabe von Atomvulkan Golkonda.

Über die Autoren Arkadi und Boris Strugazki

Die beiden Brüder Arkadi und Boris Strugazki sind wohl die Personifizierung des russisch-sowjetischen Science-Fiction-Genres. Ihre Gesamtauflage liegt bei über 50 Millionen Büchern. Sie wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt – und ihr Lebenswerk erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte: von der optimistischen Zeit der Kosmos-Entdecker in den 1950er Jahren bis weit nach der politischen Wende 1989/90.

Arkadi, der ältere der beiden, wird 1925 in Batumi geboren. Acht Jahre später kommt Boris zur Welt, als in Deutschland Hitler gerade an die Macht gekommen ist.

Sie ziehen mit dem Vater, der Bolschewik der ersten Stunde und später General in der Armee ist, nach Leningrad um, wo auch der Zweite Weltkrieg, der Große Vaterländische Krieg für die Russen, über die Familie hereinbricht. Arkadi flieht 1942 mit dem Vater aus der belagerten Stadt, wird später Armee-Dolmetscher für Japanisch. Nach dem Krieg arbeitet er als Lektor und Übersetzer für japanische und englische Literatur in Moskau.

Boris bleibt vorerst mit der Mutter in der Stadt. Nach dem Krieg studiert er Physik in Leningrad und hätte um ein Haar promoviert. Mitte der 1950er Jahre beginnen beide, zusammen phantastische Literatur zu schreiben. Und damit beginnt die Legende.

Arkadi stirbt 1991 in der großen Stadt an der Ostsee, die damals noch Leningrad heißt. 2012 folgt ihm Boris ins Grab. Er stirbt am gleichen Ort: der heißt jetzt St. Petersburg.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einen sehr intensiven Nachruf auf das Brüderpaar veröffentlicht. Einen Überblick über das Schaffen der beiden vermitteln die Werkschau bei der TAZ und dem Deutschlandfunk.

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