220 Tage im Weltraumschiff – Georgi Martynow

Nach zahlreichen Büchern mit zeitgenössischer Science Fiction hat mich Georgi Martynow mit 220 Tage im Weltraumschiffmitgenommen in einen klassischen sowjetischen Roman derPrä-Astronautik. Zusammen mit drei anderen Kosmonauten erkundet Kommandant Kamow in seinem Raumschiff nicht nur den Planeten Mars, sondern auf seiner Reise dahin auch die Venus.

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Mondstation Ovillon – Henry Walter

Hui, was für ein wilder Ritt! In Mondstation Ovillon von Henry Walter kommt neben Hard Science Fiction eine Menge Jules Verne, ein wenig Abenteuerroman, Gesellschaftsskritik und eine gehörige Portion Slapstick zusammen. Aber von vorn:

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Marsmenschen – Anthologie von Klaus Walther

Wie ein kleines „Who is who“ der internationalen Science Fiction liest sich das Inhaltsverzeichnis von Marsmenschen: Stanislaw Lem, die Gebrüder Strugazki, Ray Bradbury und Kobo Abe tauchen darin auf. Insgesamt 14 Texte vereinigt Klaus Walther in dem Buch von 1967, ergänzt von acht Anmerkungen, biographischen Angaben, Quellen und Hinweisen.

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Mittag 22. Jahrhundert – Arkadi und Boris Strugazki

Zehn Geschichten, ein Universum. Die Welt von Mittag 22. Jahrhundert, in der die Gebrüder Strugazki ihre Helden auftreten lassen, ist die Welt, wie sich die beiden russischen Brüder eine (kommunistische) Zukunft und den Weg dorthin bis ins 22. Jahrhundert vorstellen. Nein, keine Welt des „real existierenden Sozialismus“ – echter gesellschaftlicher Fortschritt, in dem der Erkenntnisgewinn der Menschheit höchstes Gut geworden ist. Aber ich greife dem Fazit schon vor – deswegen von vorn:

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Becky Chambers – Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten – Wayfarer I

Das Feel-good-Buch des Jahres – das wäre meine kürzeste Zusammenfassung von Becky Chambers erstem Buch „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“. Die Amerikanerin schafft es einfach, in jedem Konflikt, in jeder noch so banalen Situation, Sympathie aufzubauen – und dabei nicht ins Kitschige abzudriften. Der erste Band der Wayfarer-Reihe glänzt durch etwas, dass der heutigen Gesellschaft immer mehr abhanden kommt: der Fähigkeit, Konflikte zu lösen und tolerant mit anderen umzugehen. Continue reading „Becky Chambers – Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten – Wayfarer I“

Frank Töppe – Regen auf Tyche

15 Jahre können in der Literatur eine lange Zeit sein. Vom Planeten Meju des Günther Krupkat verschlägt es mich in „Regen auf Tyche“ von Frank Töppe an den gleichen Platz im Weltraum: den Asteroidengürtel des ehemaligen Phaeton. Aber keine Angst – Töppe schreibt so schön kurzweilig, dass der Weg nach Tyche nicht lang wird. Continue reading „Frank Töppe – Regen auf Tyche“

Günther Krupkat – Als die Götter starben

Lange habe ich mich auf dieses Buch gefreut, jetzt habe ich es in einem einzigen Rutsch gelesen – und kann sagen: „Als die Götter starben“ ist einfach toll. Nicht nur, dass es eine wunderschöne Zukunftsvision der frühen 1960er Jahre erzählt, es knüpft auch noch einen historischen Thriller in die Handlung ein.

Kurz zur Geschichte: Der Ärchaologe Olden findet auf dem Mond bei der Auswertung von Luftaufnahmen einen seltsamen Schatten. Bei der Untersuchung vor Ort stellt sie die Ursache des Schattenwurfs als Trümmer eines außerirdischen Raumschiffs dar. Bevor er das Wrackteil sichern kann, versinkt es bei einem Erdrutsch (oder Mondrutsch?). Der Historiker steht mit leeren Händen da.

Der Weltforschungsrat genehmigt im weiteren Verlauf Forschungen auf dem Marsmond Phobos. Von der Mondstadt Endymion (in der Krupkat schon 1963 eine Statue aufstellt zur Erinnerung an die drei (!) ersten Raumfahrer, die den Mond besuchten) startet er mit einer Truppe Vertrauter zum vierten Planeten. Dort entdeckt Olden durch Zufall Bauwerke tief im Inneren des Mondes. Und eine Kiste mit mikrofilmähnlichen Stäben.

Ab jetzt wird das Buch auch technisch noch mal eine Qualitätsstufe angehoben. Aus den Daten-Fragmenten auf den Stäben konstruiert Olden die Geschichte des Außerirdischen Termon, der vor sechstausend Jahren vom Doppel-Planeten Meju-Ortu kommend ein Ausweichquartier für seine Zivilisation sucht, da die alte Heimat in Trümmer fällt.

Mit einer Erkundungsmission trifft er im Bekaa-Tal (ja, genau: das ist bei Baalbek im heutigen Libanon) auf die Ureinwohner der Erde („Imra“ in Meju-Sprache). Die Terassen von Baalbek werden als Landestelle für das große Umzugs-Raumschiff der Mejuaner vorbereitet. Dabei treffen die Mejuaner auf den Kriegssklaven Leth und den Sohn des herrschenden Fürsten Sotas. Beide werden zu Vertrauten der „Götter“.

Mit solchen Kugeln reisen die Mejuaner zur Erde - Günther Krupkat - Illustration: Martin Kotsch
Mit solchen Kugeln reisen die Mejuaner zur Erde – Günther Krupkat – Illustration: Martin Kotsch

Während der Meju-Ortu (der seine Kreisbahn zwischen Mars und Jupiter hatte, dort, wo lange ein Planet namens „Phaeton“ vermutet wurde und wo heute ein Asteroidengürtel ist) in einem Inferno auseinanderfällt, gehen auf den benachbarten Planeten Asteroidenschauer nieder – und zerstören nicht nur ganze Landstriche, sondern auch zwei der Raumfahrt-Kugeln, die das Vorauskommando evakuieren sollen. So gehen die Götter in einem nuklearen Blitz unter.

Die große Frage am Ende des Buches bleibt: Wohin, wenn überhaupt, konnten sich die Mejuaner nach der Katastrophe ihres Sterns vor sechzig Jahrhunderten retten? Und wird Olden Hinweise auf Meju II finden können?

Kommen wir zu den kleinen Anekdötchen rund um die Lektüre. Interessant, weil selten, ist, dass die Geschichte der Gegenwart konsequent im Präsens erzählt wird. Toller Trick, den auch Journalisten gern anwenden, um die Handlung noch näher an den Leser zu bringen. Und obwohl Krupkat in seiner Geschichte weit vorausschaut, Raumschiffe mit Photonenantrieb heraufbeschwört und die Mejuaner über die Technik zur Gravitationsbeeinflussung verfügen lässt, sind im Forscherteam die Frauen für das Kochen verantwortlich.

„Heute hat Li Innendienst“, bemerkt Wera.

„O weh!“ stöhnt Olden. „Auch das noch!“

„Was haben Sie an Li auszusetzen, Erik?“

„An Li nichts. Nur an ihrer Kochkunst. Unter ihren Händen versagt selbst die modernste Küchenautomatik.“

„Na, na!“

„Doch, Wera!“, pflichtet Gombare bei. „Es ist sehr schlimm. Das erinnert mich immer an die barbarische Sitte unserer Vorfahren.“

„Barbarische Sitte?“

„Nun ja, so ein armer Mann musste zeitlebens essen, was seine Frau zubereitete. Es soll Männer gegeben haben, die einfach davonliefen und in ein sogenanntes Wirtshaus gingen. Dort aber war es auch nicht besser. Da lobe ich mir unsere Speiseautomaten. Ich gäbe viel drum, wenn ich heute auf der Erde essen könnte!“

Wera blinzelt ihm zu. „Im Vertrauen gesagt, ich auch. Ich glaube, in dieser Beziehung habt ihr Männer euch während der letzten zehntausend Jahre nicht verändert. Ob es auf anderen Sternen auch so sein mag?“

„Wie können Sie an der Gleichheit der gesetzmäßigen Entwicklung im All zweifeln!“ weist Olden sie lachend zurecht.

Zubringerraketen versorgen das Großraumschiff auf der Außenreede des Mondes - Günther Krupkat - Illustration: Martin Kotsch
Zubringerraketen versorgen das Großraumschiff auf der Außenreede des Mondes – Günther Krupkat – Illustration: Martin Kotsch

Zur Ehrenrettung von Krupkats Frauenbild: Wera ist Navigatorin des modernsten Raumschiffes, dass an der Außenwerft des Mondes die Forscher aufnimmt und zum Mars bringt.

Ein Roboter („RASA“, der beim Aufräumen auf dem Marsmond hilft, hat offenbar noch nichts von Asimovs Robotergesetzen gehört.

Und fast könnte man meinen, dass Gerhard Matzke sehr intensiv das Buch gelesen hat, als er selbst in seinem kleinen Jugendroman zum Marsmond Phobos aufbricht.

Auf der Erde, in den Rückblenden von Termon, machen wir dann auch klitzekleine Exkursionen in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit unter dem Blickwinkel des Klassenkampfs – aber auch hier ist Krupkat geschickt: es wird niemals aufdringlich.

Religiös wird es nicht nur bei den Betrachtungen zum Auftauchen der Götter aus dem Kosmos. Parallen zu biblischen Geschichten werden von Krupkat ebenso in die Handlung entwickelt. Jetzt wissen wir endlich faktisch, warum Sodom und Gomorrha untergingen, wie Loths Frau zur Salzsäule wurde, welche Rolle das Städtchen Qumran spielte – und wie das mit der Entwicklung des Toten Meeres, der Sumerer und des Zweistromlandes so war, dass vor sechstausend Jahren plötzlich einen irren Sprung in der technologischen Entwicklung hingelegt hat: Keilschrift, Astronomie, Götterkult, Tempelbauten, etc.p.p.

Über das Buch „Als die Götter starben“

Als die Götter starben - Buchcover - Günther Krupkat - Illustration: Martin Kotsch
Als die Götter starben – Buchcover – Günther Krupkat – Illustration: Martin Kotsch

Das in fünf Teile („Endymion“, „Phobos“, „Meju“, „Sodom und Gomorrha“, „Heliopolis“) gegliederte „Als die Götter starben“ erschien erstmals 1963 im Verlag Das Neue Berlin in der Gelben Reihe. Lektorin war Helga Hielscher und die Illustrationen, die ich für Geschmackssache halte, stammen von Martin Kotsch.

Wer sich für die Problematik der Terrassen von Baalbek näher interessiert, wird sicher auch bei Carlos Rasch fündig. In „Der blaue Planet“ konstruiert er im gleichen Jahr wir Krupkat eine Landung von Außerirdischen in der Bekaa-Ebene.

Über den Autor

Günther Krupkat
Günther Krupkat

In der Person Günther Krupkats vereinen sich die beiden Berufe, die für einen Science-Fiction-Autor offenbar die perfekte Mischung sind: Ingenieur und Schriftsteller. Am 5. Juli 1905 in Berlin geboren wuchs er direkt in die Zeit des Nationalsozialismus herein. Aus Geldmangel musste er sein Ingenieurstudium abbrechen und schlug sich als Fabrikarbeiter und Elektromonteur, aber auch als Reklametexter, Filmdramaturg und Journalist durch.

Eine erste utopische Erzählung („Od“) fiel 1924 bei den Verlagen durch, weil sie ideologisch zu weit links stand. Offenbar blieb er sich und seinen politischen Idealen auch in den Folgejahren treu: durch seinen Widerstand gegen die Nazis musste er in die Tschechoslowakei flüchten.

Nach dem Krieg lebte Krupkat in der DDR, beendete in Berlin sein Ingenieurstudium und arbeitete anschließend wieder für die Presse. Seit 1955 ist er freiberuflich tätig, vor allem im utopischen und phantastischen Feld.

Neben dem utopischen Arbeitsfeld tobt sich Krupkat auch anderweitig aus: 1957 erscheint mit „Das Schiff der Verlorenen“ ein Buch über den Untergang der Titanic. Ein Jahr später kommt dann „Das Gesicht“ heraus, dass er 1962 auch für das Fernsehen bearbeitet. 1960 wird das Schauspiel „AR 2 ruft Ikarus“ aufgeführt. Ein Jahr vor der Mondlandung beschäftigt er sich mit Fernsehspielen wie dem dreiteiligen Fernsehfilm „Die Stunde des Skorpions“, der Elemente seines Roman „Die Unsichtbaren“ verwendet und bei dem Krupkat auch Regie führt.

Auf seine Initiative hin gründete sich im DDR-Schriftstellerverband ein Arbeitskreis „Utopische Literatur“, dessen Vorsitzender er von 1972 bis 1978 war. 1985 gibt es als Lohn für die kontinuierliche Arbeit den Vaterländischen Verdienstorden in Silber.

Seine bekanntesten Werke, die in der Prä-Astronautik der DDR-Science-Fiction angelegt wurden, sind „Nabou“ und „Als die Götter starben“. Außerdem habe ich hier im Blog auch über „Die große Grenze“ aus seiner Feder geschrieben.

Andreas Reber hat sich auf seinem Blog Life in the 22nd century in der Autorenübersicht mit Günter Krupkat auseinandergesetzt. In der Wikipedia findet man Günther Krupkat hier. Auch in FictionFantasy.de gibt es einen Eintrag für Günther Krupkat.

Carlos Rasch – Asteroidenjäger

Was am Anfang nach einer Routine-Mission aussieht für die Asteroidenjäger von AJ-408, entpuppt sich rasch als großes Abenteuer im Weltraum. Zwischen Mars und Jupiter soll das Schiff mit seiner 37-köpfigen Besatzung im Trümmergürtel aufräumen und die Gefahren für die bemannte Raumfahrt minimieren. Continue reading „Carlos Rasch – Asteroidenjäger“

Alexander Kröger – Energie für Centaur

Sprachlich ist „Energie für Centaur“ sicher der stärkste Band der Centauren-Trilogie. In der braungraudreckigen Wüste des zweiten Planeten von Proxima Centauri schmeckt man beim Lesen förmlich den Staub zwischen den Zeilen. Kröger blickt wieder weit in die Zukunft, antizipiert gar die Entwicklung der E-Mail – die er „Postspeicher“ nennt. Ein unabhängiges Internet steht wohl aber zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht auf dem Plan. Dafür habe ich aber noch eine weitere Neuerung entdeckt, die mir so in der sozialistischen Gedankenwelt der Phantastik noch nicht untergekommen ist: Interplanetarer Sex. Der scheint zu funktionieren. Mehr wird aber nicht verraten. Continue reading „Alexander Kröger – Energie für Centaur“