Herbert Ziergiebel – Zeit der Sternschnuppen

Zeit der Sternschnuppen - Buchcover - Herbert Ziergiebel - Mit einer Farb-Äquidensitometrie des Kometen Wipple-Fedtke von W. Högner vom Karl-Schwarzschild-Observatorium, Tautenburg bei Jena

Eine Begegnung der dritten Art – also mit Interaktion – steht dem Grafiker Hans Weyden in Herbert Ziergiebels humorvoller Fabel Zeit der Sternschnuppen beim Aufenthalt in seinem Landsitz Manik Maya südöstlich von Berlin bevor, als er dort nachts seltsame Lichter auf der Wiese bemerkt. Neugierig untersucht er das Phänomen – und gerät schwuppdiwupp samt Dackel Waldi in eine Entführung, die aber nicht ganz unfreiwillig passiert.

Einige Wochen später wacht er aus dem Kälteschlaf im Raumschiff der Fremden auf – und trifft dabei auf eine wunderschöne, intelligente junge Frau – und ihren Vater. Beide wurden von der Erde vor 2.500 Jahren entführt, der Zeit des alten Babylon – Zeitdilatation sei dank sind sie immer noch frisch. Und zumindest Aul, das Mädchen, hat inzwischen Hans’ Sprache gelernt.

In dem ausgehöhlten sechsten des wohnen beide – gerettet vor einem Krieg von Me, einem außerirdischen Wesen, dessen Körper zerstört, dessen Geist aber in einem konservierten Gehirn überlebt hat (Hallo, Futurama!).

Nun gibt es naturgemäß recht wenig zu tun in einem ausgehöhlten Mond – außer sich vielleicht der körperlichen Liebe zwischen Aul und Hans hinzugeben (denn leidenschaftliche Liebe empfindet nur Aul für Hans – der weiß gar nicht so recht, was er eigentlich will) – oder für deren Vater Bratkartoffeln zu braten. Mit den exotischen Pflanzen, die Roboter von der Erde für die beiden mitgebracht haben, konnte der alte Herr nämlich sonst nichts anfangen. Schließen waren die im alten Zweistromland noch nicht verbreitet. Zur Kommunikation mit ihm bedient sich Hans eines Roboters, den er kurzerhand Fritzchen tauft – und zu dritt beginnen sie sogar, eine Skatrunde auf dem Jupitermond zu etablieren. Was alles reichlich skurril als Handlung klingt, erfüllt natürlich einen literarischen Zweck: Ziergiebel schafft es dadurch sehr unkompliziert, in einer lebendigen, humorvollen Umgebung ein wenig Philosophie einzustreuen. Der Sklavenhändler trifft den guten Sozialisten, der Erdverbundene den Schutzhäftling, der moderne Mensch den töpfernden Altertümler. Spannende Dialoge sind die Folge. Und die gehen trotz aller diametral unterschiedlicher Ansichten und Erfahrungen sogar fast ohne Hasse und Wutausbrüche vor sich. Da könnte sich heutzutage mancher Kommentator bei Facebook mal eine satte Scheibe von abschneiden.

Überhaupt werden die Dialoge sehr tiefsinnig, auch mit Aul. Bis zum Sinn der Existenz kämpft man sich gar vor: der reine Selbstzweck auf dem Jupitermond, eventuell zur Aufzucht einer neuen Menschenrasse ohne feste Bindung zur Erde? Oder die schöpferische Tätigkeit in der Gesellschaft auf dem Heimatplaneten zum Wohle aller – auch derjenigen, die man eigentlich nicht leiden kann? Und noch ein dunkles Geheimnis tut sich auf in der Gesellschaft des Menschentrios und der Hilfsroboter auf dem Jupitermond: Simon, ein gefühlsbefähigter Roboter, taucht auf. Aber nur kurz. Dann wird er von den Sicherheitsrobotern exekutiert. Warum?

Hans’ Heimweh nach der Erde setzt sich durch, will er doch wenigstens noch einmal einen Fuß auf seinen Planeten setzen, bevor er für immer mit dem hübschen Mädel im All verschwindet (man muss sich ja wenigstens noch moralisch korrekt von der eigenen Ehefrau verabschieden). Aber auf der Erde angekommen, geht einiges schief.

Hier kommt bei etwa vier Fünftel des Buches auch die schön gesetzte Klammer vom Buchauftakt auch wieder in die Haupthandlung zurück. Hans landet in einem Irrenhaus. Und ab da wird es Slapstick par excellence. Einzig das Ende, die Auflösung der Zeit der Sternschnuppen lässt mich etwas ratlos zurück. Aber auch – im Endeffekt – ist ja nur menschlich.

Fazit

Was Zeit der Sternschnuppen nicht ist: ein großer Wurf in Sachen fantastischer - oder Technik. Was der Roman dennoch ist: ein humorvolles, spannendes Fenster in die Psyche des (liebenden) Menschen. hat eine wunderbar lebendige Schreibe, die das gesamte Büchlein sympathisch macht. Und dabei noch zum Nachdenken anregt. Alles in allem: schönes Buch. Ich freue mich schon auf seine nächste Geschichte, die hier im Schrank steht. Auch das Lexikon Die Science-fiction der von von Erik Simon und Olaf R. Spittel nennt Zeit der Sternschnuppen „eine der hübschesten Fabeln, die in der SF-Literatur der DDR je erfunden wurden“.

Über das Buch Zeit der Sternschnuppen

Zeit der Sternschnuppen - Buchcover - Herbert Ziergiebel - Mit einer Farb-Äquidensitometrie des Kometen Wipple-Fedtke von W. Högner vom Karl-Schwarzschild-Observatorium, Tautenburg bei Jena
Zeit der Sternschnuppen – Buchcover – Herbert Ziergiebel – Mit einer Farb-Äquidensitometrie des Kometen Wipple-Fedtke von W. Högner vom Karl-Schwarzschild-Observatorium, Tautenburg bei Jena

1972 ist Zeit der Sternschnuppen im Verlag Das Neue Berlin in einer Hardcover-Ausgabe mit 310 Seiten erschienen. Der Verlag dankte seinerzeit Herrn W. Högner vom Karl-Schwarzschild-Observatorium, Tautenburg bei Jena, für die freundliche Überlassung einer Farb-Äquidensitometrie des Kometen Wipple-Fedtke, die für die Gestaltung des Schutzumschlages verwendet wurde. Bis zur sechsten Auflage wurde das Buch immer wieder in der DDR auf dem Markt gebracht. Zuletzt hatte es die ISBN 3-360-00221-0. Im Jahre 1981 wurde der Roman in der Serie SF-UTOPIA noch einmal als Paperback aufgelegt.

Klappentext

Immer, wenn im Juli und August am Nachthimmel Sternschnuppen aufleuchten, erinnert sich Hans Weyden an das Abenteuer seines Lebens. Sie hieß Aul, hatte langes schwarzes Haar und trug zu jeder Stunde ein enganliegendes Trikot, denn auf dem sechsten Jupitermond, wo sie sich mit ihrem Vater vorübergehd aufhielt, gibt es keine Jahreszeiten und keine Mode, übrigens auch keinen Spiegel. Hans Weyden war in ihrem Leben der erste Mann – und voraussichtlich auch der letzte. Aber bevor es zu einem herzzerreißenden Abschied kommt, nehmen wir zusammen mit Hans Weyden und dem Dackel Waldi Kurs auf den Jupiter und betreten an seiner Seite eine wunderliche Welt, in der unvorstellbare Zukunft und längst vermoderte Vergangenheit eine seltsame Ehe miteinander eingegangen sind. Ahnungsvoll begleiten wir Weyden bei seiner Rückkehr zur Erde und wünschen ihm, er möge sich der unabwendbar auf ihn zukommenden Entscheidungen gewachsen zeigen.

Herbert Ziergiebel schrieb ein modernes Märchen über einen Menschen unserer Tage. Er legt ihn so an, daß Weyden manchmal unseren Widerspruch herausfordert, ja daß man ihn öfter bei den Ohren nehmen und kräftig schütteln möchte, damit er begreift, daß er nicht der Nabel der Welt ist und daß ein wenig Selbstkritik und Bescheidenheit ihn trefflich kleiden würden. Die Verbindung von Utopie und Wirklichkeit, in der utopischen Literatur äußerst selten anzutreffen, ist für den Leser außerordentlich reizvoll. Ziergiebels Roman bietet dafür ein gutes Beispiel.

Über den Autor Herbert Ziergiebel

Herbert Ziergiebel wurde am 27. Juni 1922 in Nordhorn geboren und starb am 11. September 1988 in Berlin. Vor dem Krieg wurde er Schlosser, qualifizierte sich 1941 zum Konstrukteur und technischen Zeichner. Während der Nazi-Herrschaft war er im Widerstand aktiv und tauchte in Tirol unter, wo er aber 1942 von der Gestapo geschnappt wurde. Über das Gefängnis Innsbruck kam er ins KZ Dachau, aus dem er kurz vor der Befreiung durch die Amerikaner flüchtete.

Nach dem Krieg widmete er sich dem Studium der Literatur und Geschichte – und beruflich dem Schreiben als Schriftsteller und Journalist. 1956 wurde er in dieser Tätigkeit in Ungarn während der Unruhen abberufen.

Während er in den 1950er und frühen 1960er Jahren Geschichtsromane (darunter auch autobiografisches) schrieb, widmete er sich danach phantastisch-utopischer Literatur. 1966 erschien Die andere Welt im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale), gefolgt von Zeit der Sternschnuppen 1972 im Verlag Das Neue Berlin. In der Anthologie Der Mann vom Anti erschienen 1975 Die Experimente des Professors von Pulex.
Im Trubel um Rolf Biermanns Ausbürgerung wurde es ruhig um Ziergiebel. Von seinem Landsitz bei Spreeau südöstlich von Berlin widmete er sich der Astronomie und Malerei.

Ein Foto seines Grabsteines auf dem evangelischen Karlshorster und Neuen Friedrichsfelder Friedhof in Berlin-Karlshorst findet man bei Knerger. Anlässlich seines 25. Sterbetages widmete Siegfried R. Krebs im Rotfuchs dem Sozialisten Herbert Ziergiebel einen umfangreichen Nachruf.

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