Land unter – Dieter Rieken

in nicht allzu ferner Zukunft. Die Meeresspiegel sind gestiegen, und nach einem Terroranschlag auf die norddeutschen Deiche stehen weite Teile der Küstenregion unter Wasser. Was nach einem fabelhaften Setting für eine klingt, hat sich Dieter Rieken für seinen -Erstling „Land unter“ ausgedacht.

Ich will aber gleich vorwegschicken: lange hält die Vorfreude auf eine tolle Dystopie nicht an. Ehrlicherweise muss man dem Autor zugestehen, dass er das nicht verspricht, sondern zusammen mit seinem Verlag von einem Mix aus Science-Fiction, Heimatroman und spricht. Was mich eher enttäuscht hat, ist die Art und Weise, in der das Buch aufgebaut ist: nämlich ohne richtige Handlung. Wir lernen am Anfang einen Haufen Leute kennen, von denen sich erst lange keiner als richtiger Protagonist zu erkennen gibt – und dann wird in zahlreichen Perspektivwechseln und Rückblenden die Entstehung der Katastrophe erklärt.

Ein eigentlicher Konflikt des Buches schält sich erst nach über 60 Seiten heraus. Dabei bietet Rieken so viele geile Steilvorlagen für eine spannende . In Deutschland herrscht zum Beispiel eine nationalkonservative Regierung, Frontex verhindert, dass Flüchtlinge aus Post-Brexit-Großbritannien nach Europa kommen. Und am Ende läuft die Story auf eine halbherzige Liebesgeschichte heraus – und das Thrillerelement, dass ein Ex-Mann seine Ex-Frau aufspüren und killen will.

Vollends veräppelt fühlte ich mich dann auf den letzten drei, vier Dutzend Seiten, wenn sich die gehäuften Zufälle dann bei einem Quasi-Klimax einer neu entdeckten Familiengeschichte die Klinke in die Hand geben. Wenigstens sind diese Passagen dann aber halbwegs spannend geschrieben.

Ein gelungenes Untergangsszenario konnte seinerzeit Sakyo Komatsu mit „Japan sinkt“ vorlegen.

Fazit

Aus einer geilen Idee für das Buch wäre viel mehr herauszuholen gewesen. Handwerkliche Schwächen verleiden mir die Leselust. Eventuell liegt es am Mix aus Zukunfts-, Kriminal- und Heimatroman? Nicht umsonst sagt man, dass viele Köche den Brei verderben.

Über das Buch Land unter

Land unter - Dieter Rieken - Buchcover
Land unter – Dieter Rieken – Buchcover

Land unter ist im Juli 2020 als AndroSF 131 unter der ISBN 9783957652041 zum Preis von 14,90 Euro als Paperback erschienen. Michael Haitel vom Verlag p.machinery trat als Lektor, Korrektor und Verleger auf. Der Text ist nahezu fehlerfrei.

„Land Unter“ im Internet

Thomas Harbach hat bei Robots&Dragons einen Verriss abgeliefert. Der NVS-Blog lobt den Roman als „weiteren Leuchtturm im Meer der SciFi-Literatur“.

Klappentext zu Land unter

Herbst 2060: In Deutschland ist es heiß. Nach einem Anschlag auf die Deiche hat die Nordsee große Teile des Landes überflutet. Der Staat ist pleite, die Wirtschaft stagniert und Millionen müssen in prekären Jobs arbeiten. Enno ist in seine Heimat nach Ostfriesland zurückgekehrt. Gemeinsam mit seinen Freunden Hose, Tine und Warner, dem alten Piet und der Schlepperkapitänin Chris lebt und arbeitet er in den Ruinen der überschwemmten Städte.
Eines Tages erfährt Enno von den Hintergründen des Anschlags. Dadurch gerät er ins Visier eines gewissenlosen Spekulanten und eines Berliner Clanchefs … »Land unter« mischt Zukunfts-, Kriminal- und Heimatroman. Das Buch entführt den Leser in eine Welt, in der der Klimawandel bereits stattgefunden hat. Vor diesem Hintergrund erzählt es eine vielstimmige Geschichte über Freundschaft und Familie, Vertrauen und Solidarität, Geheimnisse und Gier.

Über den Autor Dieter Rieken

Nach eigenen Angaben arbeitet Dieter Rieken als PR-Manager in der IT-Branche und schreibt in der Freizeit Science-Fiction-Erzählungen. Geboren und aufgewachsen in Norden, Ostfriesland, studierte er in Bamberg und Berlin deutsche und russische Literatur, bevor er sich 1991 in Augsburg niederließ, wo er unter anderem als freier Journalist, Redakteur und Filmfestivalmacher tätig war. 2018 erschien seine Kurzgeschichtensammlung „Überlebensprogramm“ als „Book on Demand“. „Land unter“ ist sein erster Roman.

4 Comments

  1. „Land unter“ hat hier eine sehr negative Rezension bekommen – vom Tonfall einmal ganz zu schweigen. Als Autor fragt man sich natürlich: Was habe ich hier falsch gemacht? Ich habe mit dem Rezensenten und einer Reihe anderer kluger Menschen darüber diskutiert. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen: Ich habe gar nichts falsch gemacht.

    Zunächst einmal erlaube ich mir, die Rezension so zusammenzufassen:

    Ich (der Rezensent) hatte eine tolle Dystopie erwartet. Ich wollte einen Öko-Thriller lesen. Ich wollte eine richtige (!) Handlung und einen richtigen Protagonisten (einen!), keinen Haufen Leute kennenlernen und auch keine ständigen Perspektivwechsel und Rückblenden. Ich wollte den eigentlichen Konflikt (!) bitte weiter vorne. Ich hätte mir gewünscht, dass die nationalkonservative Regierung und das britische Flüchtlingsdrama eine größere Rolle spielen. Das wären doch geile Ideen gewesen! Weil ich all das nicht bekommen habe (und weil mich die Figuren und ihre Geschichten nicht interessieren), bin ich frustriert, ja, fühle mich geradezu veräppelt. Weil der Autor nicht das schreibt, was ich erwartet habe, reduziere ich die Story auf eine „halbherzige Liebesgeschichte“ und den „Thriller“ auf einen Typ, der seine Ex killen will. Ich nenne das letzte Fünftel des Buchs einen „Quasi-Klimax“ (Familiendrama? Nein danke!). Ich picke mir aus anderen Rezensionen ein paar negative Punkte heraus, wiederhole sie und attestiere dem Buch „handwerkliche Schwächen“.

    Um es hier ganz klar zu sagen: „Land unter“ ist keine „Dystopie“. Genauso wenig ist das Buch ein „Thriller“ oder „Öko-Thriller“. Richtig ist: Der Roman spielt in der Zukunft, und er hat dystopische Elemente, außerdem solche einer (untypischen) „Familiengeschichte“, eines Krimis und eines Heimatromans.

    Natürlich erschöpft sich die Story auch nicht in einer „halbherzigen“ Liebesgeschichte und einem mordlüsternen Ex-Ehemann. Richtig ist: Das Buch erzählt – geerdet und unaufgeregt – von einer Gruppe von Außenseitern, die unter widrigen Umständen versuchen, ihr Leben zu bestreiten, und die sich nicht unterkriegen lassen, selbst als sie in etwas hineinschlittern, das ihre Kräfte zu übersteigen droht. Oder (siehe Klappentext): Es erzählt „eine vielstimmige Geschichte über Freundschaft und Familie, Vertrauen und Solidarität, Geheimnisse und Gier.“

    Ob man das unterhaltsam, vielleicht sogar spannend findet, ist natürlich jedem selbst überlassen. Es muss ja nicht jedem gefallen!

    1. Lieber Dieter Rieken,

      Vielen Dank erstmal für den Kommentar. Ich freue mich ja immer, wenn man miteinander zivilisiert diskutieren kann. Leider habe ich den Eindruck, dass das hier nicht gewünscht ist, sonst hättest du nicht gleich im ersten Satz auf den „Tonfall“ meiner Rezension abgestellt, den du dir offenbar genau so die Freiheit nimmst zu beurteilen, wie ich die Art und Weise der Dramaturgie deines Buches. Also: Subjektivität trifft Subjektivität.
      Es ist wahr. Wir hatten nach der Veröffentlichung dieses Beitrages miteinander kommuniziert. Du hattest deinen Standpunkt deutlich gemacht. Ich den meinen. Wir gingen auseinander, indem ich dir versprach, noch mal über den Text zu schauen. Das habe ich gemacht – und ich habe festgestellt, dass er genau das widerspiegelt, was ich beim Lesen des Buches empfunden habe. Ich habe nur Kleinigkeiten geändert.
      Zu den Begriffen „Dystopie“ und „Thriller“: dass die Assoziation naheliegt, will ich mal an ein paar Beispielen herleiten. Der eigene Verlag kündigt das Buch an als in der Zukunft spielend, nach einer (menschgemachten) Naturkatastrophe. Außerdem nennt er das Buch eine Mischung aus „Zukunfts-, Kriminal- und Heimatroman“. Da könnte man schon mal mit dem Gedanken spielen, dass der Leser dystopische und thrillerhafte Elemente erwartet, oder? Die Literatopia ordnet das Buch in „Dystopie/Climate Fiction“ ein. Dort widersprichst du im Interview auch nicht, als man dein Buch einem „dystopischen Szenario“ zuordnet.
      Dass dir das Genre nicht fremd ist, hast du ja auch beim Kolping-Werk erzählt: „Auf die Frage eines Teilnehmers, ob alle seine Geschichten düstere Dystopien seien, meinte er: „Die Stories sollen als Warnung dienen““, ist dort zu lesen. Da ging es zwar nicht explizit um „Land unter“, aber um Themen, die du schon vorher bearbeitet hast. Und vielleicht am wichtigsten dort im letzten Satz: „Denn, wie Rieken sagte, ein Buch ist immer nur das, was der Leser daraus macht.“ Und wie du auch in deinem Kommentar schreibst: es muss ja nicht jedem gefallen. Stimmt. Auf dieser Basis können wir gerne weiter über das Buch sprechen.
      W.S. Maugham wird ein Zitat zugeschrieben: „Die Leute bitten um Kritik, aber sie wollen nur gelobt werden.“ – In der Tat hat es der Kritiker immer viel leichter als der Künstler. Der Künstler braucht Talent, der Kritiker braucht das eher nicht. Aber wenn ich nach meiner Meinung zu einem Buch gefragt werde, dann bitte ich doch darum, wenigstens zur Kenntnis zu nehmen, was mein subjektives Empfinden zum Werk ist. Du wirst die Rezension mit Argumenten nicht in ein Lob umwandeln – dafür spielen bei der Rezension zu viele Gefühle eine Rolle: Erwartungshaltungen etwa, die vom Werbetext hervorgerufen werden. Aber du könntest dich meinen Argumenten auch stellen. Das kann ich momentan in deinen Ausführungen nicht entdecken.
      Fazit: Wir beiden haben unterschiedliche Ansichten über das Buch. Das müssen wir beide aushalten. Und wir werden die Ansicht des jeweils anderen dazu nicht grundlegend ändern können.

      1. Lieber Alexander Baumbach,

        ich schreibe selber Rezensionen. Dabei bemühe ich mich – auch wenn mir ein Buch nicht gefällt – um objektive Urteile und Begründungen. Natürlich bleiben die Grenzen zu subjektiven Eindrücken auch in Rezensionen stets fließend.

        Deine subjektiven Urteile machen es mir schwer, auf deine Argumente (wie gewünscht) einzugehen. Ich versuche es trotzdem gerne:

        1) Das Buch sei „ohne richtige Handlung“? Das sehe ich (und sehen viele Leser) ganz anders. Es kommt offensichtlich auf die Erwartungshaltung an, was man unter „richtige Handlung“ versteht.

        2) Ja, es gibt einen „Haufen Leute“. Die Protagonisten sind recht flott erkennbar. Und siehe da: Es gibt mehrere (Stichwort: Multiperspektivität). Ich weiß nicht, was es da zu meckern gibt. Warum es besser oder gefälliger gewesen wäre, hätte es einen (!) „richtigen“ Protagonisten gegeben, erklärst du leider nicht. Es ist wohl ebenfalls Geschmackssache, was man hier „richtig“ oder „falsch“ findet.

        3) Du kritisierst, dass sich der „eigentliche Konflikt“ erst nach über 60 Seiten herausschält. Abgesehen davon, dass es in „Land unter“ um viel mehr geht als nur um den von dir angesprochenen Konflikt: Das Buch hat 248 Seiten. Da darf ich mir bis dahin ja wohl 60 oder 70 Seiten Zeit lassen – zumal es ja nicht so ist, dass im ersten Viertel nichts passieren würde. Vermutlich passiert da lediglich nichts, was dich wirklich gefesselt hätte.

        4) Über die „gehäuften Zufälle“ haben wir anderswo schon diskutiert. Ohne die Details hier zu wiederholen: Es gibt bei weitem nicht so viele, wie deine Kritik nahelegt. Und was Ennos Erlebnis im Zug betrifft: Diese Szene ist im Buch sorgsam vorbereitet… Vielleicht liest du es einfach noch mal, um die vielen Hinweise zu finden.

        5) Du wirst mir sicher Recht geben, dass „Quasi-Klimax“ kein Argument ist, sondern allenfalls ein Ausdruck von Enttäuschung. Immerhin findest du ihn spannend, das freut mich.

        „Subjektivität trifft Subjektivität“, sagst du. Damit kann ich gut leben! (Aber argumentieren darf ich doch trotzdem?) 🙂

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