Wild Card – Nina Casement

Nichts weniger als einen „postapokalyptischen Roadtrip“ verspricht Nina Casement den Lesern ihres Romans „Wild Card“ – und um das Fazit vorwegzunehmen: sie liefert auch. Und zwar nett verpackt und inhaltsschwer.


Protagonistin Kore findet sich nach dem Einschlag eines riesigen Asteroiden im Bunker hinter dem Haus wieder, den ihr leicht neurotischer Onkel einst aus Angst vor dem Atomkrieg gebaut hat.

Die ersten Wochen und Monate einer durchdrehenden Atmosphäre, Superüberschwemmungen und globaler Brände wettert sie darin relativ sicher verwahrt ab und entwickelt dabei nur die verhältnismäßig leichte Macke, von nun an aus Einsamkeit mit einer gespaltenen Persönlichkeit weiterzuleben.

Als sie schließlich die relative Sicherheit des Bunkers verlässt und feststellt, dass eine neue Eiszeit kommt, schickt sie sich an, ihren Überlebensmittelpunkt weiter in den Süden zu verlagern. Die Überreste der Zivilisation plündernd schlägt sie sich durch die Trümmer dessen durch, was einst Mitteleuropa war. Vorbei an glühenden Kernkraftwerken, gefährlichem Regen und einer stetig zunehmenden Kälte hat sie vor allem mit der Einsamkeit zu kämpfen – bis ihr Kannibalen in Spanien eindringlich verdeutlichen, dass ein bißchen Einsamkeit vielleicht doch gar keine so schlechte Idee ist, wenn es darum geht, die nächsten paar Tage nicht im Kochtopf zu landen.

Auf ihrer weiteren Wanderung stößt sie auf eine der wenigen Siedlungen von Überlebenden, die es auf dem Globus noch gibt, deren Regeln sie sich aber nicht unterwerfen will. Und schickt sich an, ihr Glück im Süden Afrikas zu finden.

Wen sie dabei auf ihrer weiteren Wanderung entlang der afrikanischen Westküste trifft und wie sie mehrfach dabei nur knapp dem Tod entgeht, fasst Nina Casement in einer spannenden Lektüre zusammen.

Die Ich-Perspektive der Erzählung nimmt uns tief mit in die verstörende Realität, die Kore nach dem beherrschen lernen muss. Naturwissenschaftlich bleibt das größtenteils sauber, auch wenn es Unschärfen gibt, die ich an ihrer Stelle eher vermieden hätte zu erforschen (etwa am Rand des blau leuchtenden Sees, auf dessen Grund munter die Kernbrennstäbe vor sich hin glühen). Das ein oder andere genrebedingte „Deus ex Machina“ kommt etwas auffällig pünktlich in die Handlung (das mit Seitenwagen etwa), dabei werden diese kleinen Stolperstellen in der Handlung dann aber wieder von großartigen Emotionen hinweggetragen, die Nina Casement hervorragend in Szene setzt. Von der ersten bis zur letzten Seite jedenfalls habe ich mit der Protagonistin zusammen gebibbert und sie angefeuert. Irgendwie muss die Menschheit ja weiterleben! Mich hat das Buch jedenfalls hervorragend unterhalten – und immer wieder innehalten lassen bei der Frage: was würde ich selbst an ihrer Stelle tun?

Wer nach „Wild Card“ noch Bedarf an schönem Weltuntergang hat, dem lege ich Sakyo Komatsu ans Herz, der in „Japan sinkt“ die Erde auftut und in „Der Tag der Auferstehung“ eine furchtbare Seuche über die Menschheit bringt. Menschen, die sich nach der Katastrophe in ihrer neuen Welt einrichten, finden wie auch bei Dieter Riekens „Land unter„. Den klassischen Atomkrieg erleben wir in „Ein strahlendes Ende“ von François Bucher. Und wer die Nase ganz voll davon hat, den Planeten mit anderen Menschen zu teilen, den nimmt Jürgen Domian mit auf eine zum „Tag, an dem die Sonne verschwand„.

Interessante Anekdote übrigens: bei Nina Casement heißt der „Krishna“. Der Grand Seigneur der amerikanischen SciFi Arthur C. Clarke hatte seinen außerirdischen Flugkörper „“ genannt. Der ist allerdings im gleichnamigen Zyklus nie auf der Erde eingeschlagen. Hare und Krishna sind zwei Ausprägungsformen der hinduistischen Gottheit Vishnu.

Fazit

Spannend gemachter , der anfangs in zwei Handlungsebenen, später linear logisch erzählt wird. Die weibliche Perspektive auf den Weltuntergang ist teilweise erfrischend, steht aber nicht im Vordergrund. Ich hätte gern weitergelesen. Raum für eine Fortsetzung bliebe jedenfalls. Ich werde mir jedenfalls jetzt Ninas Erstling „Jagdsaison“ besorgen – auch, weil ich seit meiner letzten Reise dorthin ein großer Fan von Nordschweden geworden bin.

Über das Buch Wild Card

Wild Card - Nina Casement
Wild Card – Nina Casement

Das Paperback von „Wild Card“ erzählt auf 381 Seiten die Geschichte von Core und ist bei Books on Demand in Norderstedt unter der ISBN 9783752625226 im Jahr 2020 erschienen. Das Buch ist zum Beispiel bei Autorenwelt erhältlich. Als Papierausgabe kostet es 11,99.

Wild Card im Internet

Kathi hat auf dem Blog „Kleiner Komet“ über die Geschichte mit dem großen Kometen geschrieben. Kurz und knackig wird das Buch bei Crashies Wonderland gewürdigt.

Koreander hat sich ebenfalls intensiv mit dem Text auseinandergesetzt und auch eine Schwachstelle herausgearbeitet: die inhaltliche Nähe zu einem anderen Buch. Ein nettes Interview mit Nina Casement hat Julia auf ihrem Leseblog geführt. Sie hat das Buch dort auch rezensiert.

Klappentext

Ein gigantischer stürzt in den Atlantik und katapultiert die Welt an den Rand der Vernichtung, die Menschheit ist ausgelöscht. Kore aber überlebt durch Zufall in einem Bunker – doch sie ist ganz allein. Zurück auf der Erdoberfläche sieht sie sich purer Zerstörung gegenüber. Fortan kämpft sie gegen Angst und Hunger, Trümmerwüsten, Einsamkeit und zunehmende Kälte, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie bleiben kann. Vor allem aber nach anderen Überlebenden. Doch kann sie anderen Menschen noch vertrauen? Und ist eine Existenz auf Dauer in dieser neuen Welt überhaupt möglich?

Über die Autorin Nina Casement

Mit Informationen über den Hintergrund des offensichtlichen Pseudonyms geht die Autorin, die wahrscheinlich 1987 geboren wurde, sparsam um. Was sie über sich selbst freigibt, erfährt man auf ihrer Webseite.

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