Die Erzähler – Ursula K. LeGuin

Die Erzähler - Ursula K. LeGuin - Buchcover

„Im Anfang war das Wort“ – so steht es schon bei Johannes in der Bibel. Und um Worte, um Erzählungen und Geschichten dreht sich alles in Die Erzähler der amerikanischen Schriftstellerin . Und nichts geringeres als eine Reise durch die Denkwelt einer Diktatur, auf den Spuren einer geschichtenbasierten Gesellschaft hat LeGuin hier aufgeschrieben.

Und auch, wenn uns der Gedanke fremd vorkommen mag, dass Worte oder Geschichten gesellschaftlicher Entwicklung bestimmen – wir leben nun einmal in einer sehr technikzentrierten Welt – so müssen wir doch anerkennen, dass politische Reden auch heute noch Realitäten schaffen. Nicht umsonst sprechen wir in Zeiten von Boris Johnson und Donald Trump von der Ankunft im postfaktischen Zeitalter. Das Motiv LeGuins ist dabei überhaupt gar nicht neu. Schon Orwell hat das Wahrheitsministerium in 1984 darüber wachen lassen, was für eine Geschichte auf der Erde stattgefunden hat – und sie bei Bedarf ausgetauscht.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist“, heißt es bei Johannes.

Schon auf den ersten Seiten habe ich ein Deja-Vu: wie in Ray Bradburys Bestseller Fahrenheit 451 sind in der Gesellschaft, in der Sutty lebt, verboten. LeGuin geht sogar noch einen Schritt weiter: sogar Schrift und fremde Sprachen sind unter Strafe gestellt. DieProtagonistin Sutty wird von der Erde zum Planeten Aka geschickt. Der gehört zur Ökumene der Planeten, so wie die Erde von den fortschrittlichen Bewohnern des Planeten Hain zur Ökumene hinzugefügt wurden.

Damit kommt auch noch ein weiterer Gedanke ins Buch: Wie beeinflusst der Kontakt zu einer anderen außerirdischen Zivilisation die Entwicklung einer anderen – selbst, wenn alles friedlich abläuft? LeGuin spiegelt das dramatische Element in die Vergangenheit von Sutty, die indische Wurzeln hat und immer wieder über die Folgen der Kolonialisierung in ihrer eigenen Biografie stolpert.

Sutty macht sich vom Zentrum der technokratischen, wissenschaftsgläubigen Diktatur nordkoreanischen Auswuches (andere Rezensenten sprechen von einer Parabel auf die chinesische Kulturrevolution) auf den Weg in eine entlegene Gegend, in der viele alte Riten, Traditionen und Erinnerungen überlebt haben. Unterwegs trifft sie einen „Monitor“, einen Überwacher der staatlichen Ordnung, der offensichtlich auf sie angesetzt ist. Mit einer Beschwerde wird sie ihn -fürs erste – los.

Durch viele Kontakte mit der Bevölkerung der kleinen Stadt kommt sie der Gruppe der Erzähler, der Maz, auf die Spur, die das uralte Wissen der Gesellschaft von Aka mündlich überliefern – und dabei gleichzeitig enthüllen, welchen Einfluss selbst ein winziger Kontakt wie der von vier Abgesandten der Ökumene auf die Zivilisation Akas hat.

„Verraten Sie uns nicht!“ hatte der Monitor gesagt. Aber ihr Volk, die Sternenfahrer der Ökumene, die Beobachter, die so bemüht waren, nicht einzugreifen, sich nicht einzumischen, nicht zu steuern, hatten den Verrat mitgebracht. Ein paar Spanier kommen, und die großen Reiche der Inkas, der Azteken verraten sich selbst, zerfallen, lassen sich ihre Götter und ihre Sprache nehmen… So waren die Akaner ihre eigenen Eroberer gewesen. Von fremden Vorstellungen verwirrt, hatten sie zugelassen, daß die Ideologen von Dovza sie beherrschten und verarmten, wie die Ideologen des Kommunokapitalismus im zwanzigsten Jahrhundert und die Fanatiker des Unismus in ihrer Ära die Erde beherrscht und verarmt hatten.

Die Erzähler, Ursula K. LeGuin, Heyne 2001

Auf dem Weg zur letzten verbliebenen Schatzkammer der Maz, einer Bibliothek in einer Höhle ihres heiligen Berges, trifft Sutty den Funktionär Yara wieder. Der Beamte der Körperschaft war abgestürzt mit einem Hubschrauber, als er Sutty in die letzte verbliebene Tempelbibliothek verfolgen will. Beide lernen sich kennen: Sutty, die auf der Erde ihre Geliebte an religiöse Fanatiker verlor. Yara, der seine geliebten Großeltern verlor, als sie von der Revolution seines Vaters auf dem großen Platz erschlagen wurden.

Beide öffnen sich einander – der sture Körperschafts-Funktionär und die emotionale Linguistin. Natürlich endet das tragisch. Und natürlich gibt es Hoffnung.

Fazit

Ursula K. LeGuin zeigt schonungslos, dass Logikgläubigkeit ohne jegliche , aber auch religiöser Fundamentalismus um seiner selbst Willen tödlich sind. Die Sprache der Meisterin ist umwerfend, die Erzählung spielt sich auf hohem moralisch-philosophischem Niveau ab, ohne abgehoben zu klingen oder unspannend zu werden. Am Anfang steht eine steile Lernkurve, die aber wahrscheinlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass ich mit dem letzten -Band in dieses Universum hereingeplatzt bin. Ich verspreche Besserung. Rocannons Welt, der Erstling des Zyklus, liegt bereits auf dem Lesestapel.

Über das Buch Die Erzähler

Die Erzähler - Ursula K. LeGuin - Buchcover
Die Erzähler – Ursula K. LeGuin – Buchcover

In 237 Seiten hat Heyne Die Erzähler (Original: The Telling ) in seiner Paperback-Ausgabe von 2001 gepresst. Das Original erschien ein Jahr zuvor. Biggy Winter hat aus dem Amerikanischen übersetzt. Der Verlag dem seine Reihennummer 06/6382 zugeordnet, findbar ist das Buch unter der ISBN 9783453188617. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kostete der Band 7,95 Euro.

Klappentext

Die junge Linguistin Sutty wird von der Ökumene der Welten als Beobachterin auf den Planeten Aka entsandt. Dort herrscht ein autoritäres, fortschrittsgläubiges Regime, das sich rühmt, alle Spuren einer großen kulturellen Vergangenheit ausgerottet zu haben. Doch im unzugänglichen Bergland stößt Sutty auf die Überreste einer alten Kultur, die von einer verfolgten Kaste von Erzählern durch mündliche Überlieferung am Leben erhalten wird…

Die Erzähler im Internet

Wohlwollend wird Die Erzähler auf der Phantastik-Couch unter die Lupe genommen. Weniger Liebe auf den ersten Blick ist bei Libri Ineptia herauszulesen. Der Buchwurm hat sich mit dem Roman auseinandergesetzt.

Über die Autorin Ursula K. LeGuin

Der Name von Ursula K. LeGuin wird vor allem mit zwei literarischen Zyklen verknüpft bleiben: Die Erdsee-Saga, die wegweisend im Genre der Fantasy wurde – und das Hainish-Universum. Ihr Geburtsname Kroeber begleitet die Autorin als „K.“ in ihrem Namen (die Familie ihres Vaters stammte aus Kröbern in Thüringen). Ursula wird am 21. Oktober 1929 in Berkeley, Kalifornien geboren und wächst in einem akademischen Elternhaus auf. Ihre Eltern sind Anthropologen.

Sie studierte an der Ostküste der Literatur, vertiefte sich in die Geschichte der französischen und italienischen Renaissance und lernt in Frankreich 1953 ihren späteren Ehemann Charles A. Le Guin. Zusammen haben die beiden drei Kinder.

Seit 1962 schrieb sie , 1966 erscheint ihr erster Roman Rocannons Welt. In der Zeit bis 1974 erscheinen die meisten ihrer Fantasy- und SF-Romane – was sie zu einer Pionierin der amerikanischen SF macht (und damit zu einer Wegbereiterin der von mir sehr geschätzten Becky Chambers). Bis zu ihrem Tod im januar 2018 lebte Ursula K. LeGuin in Portland, Oregon. Einblick in ihre Gedanken liefert ein sehr schöner Dokumentarfilm – der auch einige Szenen am berühmten Cannon Beach in Oregon enthält, im Hintergrund der Haystack Rock – den ich schon seit meiner Kindheit im Richard-Donner-Film „The Goonies“ liebe. Hier ist der Trailer:

Im Januar 2018 starb Le Guin im Alter von 88 Jahren in ihrem Heim in Portland. Heinrich Stöllner widmete ihr im Zauberspiegel-Online einen gefühl- und respektvollen lesenswerten Nachruf.

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