Der Mann aus dem anderen Jahrtausend – Richard Groß

Ein interessantes Gedankenexperiment bildet die Grundlage für Richard Groß‘ Der Mann aus dem anderen Jahrtausend. Aus der Perspektive der frühen 1960er Jahre erzählt er die einer Begegnung zwischen den Welten – aber nicht nur zwischen interstellaren Unterschieden, sondern auch zwischen gesellschaftlichen Unterschieden über den Zeitlauf von rund 200 Jahren. Bestimmendes Thema dabei: Vertrauen.

Aber von vorn:

In ferner Zukunft stoßen Wissenschaftler in Nordamerika auf einen eingefrorenen Menschen aus dem Jahr 1990. Nach dem Auftauen im Jahr 2187 stellt sich schnell heraus, dass US-Air Force-Oberst Sidney Mordgen, Jahrgang 1964, auf der Erde „vergessen“ wurde, als sein Vater mit 3500 weiteren hartnäckigen Kapitalisten und Imperialisten von der Erde flieht, um auf NOWI SWESDA (Neuer Stern, mit Grammatikfehler), einem erdähnlichen Planeten im Epsilon-Eridanus-System, die „alte Ordnung“ weiterzuführen, während auf der Erde der Kommunismus seinen Siegeszug antritt.

Der „neue Mensch“, den diese siegreiche globale kommunistische Revolution hervorbringt, lügt nicht, hat kaum noch fiese Hintergedanken, ist effizient und tolerant. Zumindest glaubt er das von sich. Als nun aber diese realkommunistische Spezies auf den aufgetauten Kapitalisten trifft, stellt sich heraus, dass man (also zumindest einige handelnde Personen) ihm trotzdem mit Misstrauen begegnet, ihn für rückständig und unbelehrbar hält.

Der Mann aus dem anderen Jahrtausend - Richard Groß - Illustrationen: Werner Ruhner
Der Mann aus dem anderen Jahrtausend – Richard Groß – Illustrationen: Werner Ruhner

Einzig die Ärztin Lys Karmen nähert sich ihm offen und mit menschlicher Sympathie, die später sogar zu Liebe wird. Sidney Mordgen will sich dem modernen Menschenbild anpassen und sich als verlässlicher Teil der Gemeinschaft präsentieren. Da haben wir den schönen Konfliktsalat des ersten Teil des Buches.

Richtig spannend wird es aber erst, nachdem die nach mehreren Jahren Fluges mit relativistischer Geschwindigkeit beim NOWI SWESDA ankommt und dort auf eine neokolonialistische Welt trifft, deren Urbevölkerung von Mordgens Vater und seinen Nachfahren unterjocht wurde.

Weil Kommunisten kein Star Trek kennen, halten sie sich natürlich auch nicht an die oberste Direktive. Und als Sidney Mordgen von seinen eigenen Verwandten überrumpelt und entführt wird, um deren Machtbasis zu festigen, wird es richtig spannend. Wird er sich für seine neue kommunistische Heimat(-zeit) entscheiden oder dem Heimweh nach seiner alten Welt nachgeben? Wird die Liebe von Lys und Sidney halten? Und wie entscheidet sich der Expeditionsleiter: Eingreifen oder Abdampfen zurück zur Erde?

Fazit

Interessantes Gedankenexperiment trifft auf handwerklich saubere Arbeit. Der Protagonist ist ein vieldimensionaler Charakter, der eben kein stereotyper US-Air Force-Oberst bleibt, sondern sich entwickelt. Vor allem am Anfang habe ich mich sehr an „Forever Young“ von J.J. Abrams erinnert gefühlt. Wenn der mal nicht bei einem unbekannten ostdeutschen gespickt hat 😉

Über das Buch Der Mann aus dem anderen Jahrtausend

Der Mann aus dem anderen Jahrtausend - Richard Groß - Illustrationen: Werner Ruhner
Der Mann aus dem anderen Jahrtausend – Richard Groß – Illustrationen: Werner Ruhner

Der „Zukunftsroman“ mit 304 Seiten wurde von Werner Ruhner mit schwarz-weißen Schnitten illustriert und erschien 1961 erstmals im Verlag Neues Leben Berlin. Mir liegt die dritte Auflage von 1965 vor, die als Hardcover in der „Spannend erzählt“ mit der Zählnummer 40 erschien. Die Berliner Lesezeichen widmen dem Roman eine lange Inhaltsangabe.

Über den Autor Richard Groß

Richard Groß wurde 1921 im ostpreußischen Königsberg geboren. Sein Vater war KPD-Mitglied. Nach Kriegseinsatz und Gefangenschaft in der ging es über Stationen in Westdeutschland 1954 für ihn in die . Ab 1956 lebt er als Schriftsteller. In Erzählungen und Romanen thematisiert er vorrangig seine Gegenwart.

Sein Roman „Der Mann aus dem anderen Jahrtausend“ wird sein bekanntestes Werk, bleibt aber seine einzige Arbeit auf dem Gebiet der .

Groß ist überzeugter Kommunist, der im Kreis Königs Wusterhausen in Eichwalde lebt und dort im Kreistag sitzt. Er verpflichtet sich als „IM Karl“ bei der Staatssicherheit und stirbt 1968 im Alter von 47 Jahren.
Die Weiterentwicklung des Menschen und der Gesellschaft stehe für ihn im Vordergrund der Entwicklung der phantastischen Literatur. Der Satz „Erst der Mensch – dann seine Maschinen.“ wird ihm in diesem Kontext zugeschrieben.

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