Eugen Ruge – In Zeiten des abnehmenden Lichts

Eugen Ruge liest in Wittenberg. Foto: Baumbach

Neu belebt wurde die Reihe „Lebenswege“ in der Evangelischen Akademie – und diese Entscheidung honorierten die Zuhörer. Selbst die eilig herbeigeschafften Stühle reichten kaum. Das dürfte freilich auch am Autor liegen, der vor das Publikum trat: Eugen Ruge ist mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ Träger des Deutschen Buchpreises 2011 geworden.

Hochgelobt von der New York Times über Le Monde bis zur FAZ wird der Schriftsteller mit diesem Montageroman mit autobiographischem Hintergrund gar mit Thomas Mann verglichen. „Das ist natürlich ein überaus ehrenhafter Vergleich und ich wusste auch, dass ich ein gutes Buch geschrieben habe – aber man darf nicht vergessen, dass zwischen den Buddenbrooks und meinem Buch über hundert Jahre Literaturgeschichte liegen“, gibt er sich selbstbewusst, aber bodenständig.

In vier Generationen beleuchtet Ruge das vergangene Jahrhundert – und schafft es auf beeindruckende Art und Weise, große Literatur in kurzweilige Anekdoten zu verpacken. Zwischen Broilerstand und Balkan-Grill etwa findet ein Vater-Sohn-Konflikt im winterlichen Ost-Berlin des Jahres 1979 statt. „Das ist natürlich literarisch verdichtet, das hat so nicht stattgefunden – aber auch in der Realität gab es natürlich diese Konflikte mit meinem Vater“, berichtet Ruge vom Zusammenleben mit Vater Wolfgang, der zehn Jahre als Kommunist im sibirischen Straflager saß und dennoch – oder gerade deswegen? – in der als Historiker Nationalpreisträger wurde.

Ruge junior jedenfalls studierte Mathematik und Physik, promovierte fast in der Naturwissenschaft – und wurde dann doch Schriftsteller und Regisseur, der 1988 die DDR in Richtung Westen verlässt. Moderiert von Friedrich Schorlemmer sprintet der gut zweistündige Dialog aber nicht nur durch Ruges Buch, sondern von Lenins und Stalins Russland bis zur aktuellen Krise in der Ukraine. Für Ruge ein Heimspiel – ist er doch in der Sowjetunion geboren, Sohn einer russischen Mutter und hat schon während des Studiums russische Literatur ins Deutsche übersetzt.

Ein Kenner der russischen Seele, möchte man meinen. „Aber der Begriff ,Russland-Versteher‘ ist ja neuerdings zum Schimpfwort verkommen“, wirft er da in die Runde. Es wird politisch – und da zeigt sich Schorlemmers Talent auch diplomatisch an diesem Abend. Mit seinem vielbeachteten Kommentar zum Thema Ukraine in der Wochenzeitung „Zeit“ bringt Ruge seine Auffassung zur Krise auf den Punkt – man dürfe West und Ost nicht mit zweierlei Maß messen.

Nicht nur die Re-Stalinisierung Russlands sei ein gravierendes Problem unserer Zeit, sondern auch die Planlosigkeit des Westens. „Es melden sich mit Henry Kissinger, Gerhard Schröder und Harald Kujath fast nur ,Ehemalige‘ mit klugen Gedanken zu Wort – und die politisch Aktiven reagieren mit der Hysterie eines Hühnerhaufens“, entfährt es ihm.

Da laufe man Gefahr, schnell als Dauernörgler und Querulant zu gelten – aber das schrecke ihn nicht ab, seine Sicht der Dinge zu präsentieren. „Der real existierende Sozialismus der DDR, der eigentlich ein Staatskapitalismus war, hat nicht funktioniert. Aber ich bin auch mit der jetzigen Situation nicht zufrieden“, sagt Ruge.

Eingerahmt zwischen Tschaikowskis „Barcarole“ und Schostakowitschs „Puppentänze für Klavier“ endet kurz nach 21 Uhr ein Parforceritt durch das weite Feld der Weltgeschichte, ein Marsch zwischen politischen Systemen entlang der Lebenswege der Rugeschen Dynastie. „Die reagieren mit der Hysterie eines Hühnerhaufens.“ Eugen Ruge Schriftsteller

Vielfach ausgezeichneter Autor und Übersetzer

Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte an der Humboldt-Universität Mathematik und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde. Er ging 1988 aus der DDR in den Westen und arbeitete dort für Theater und Rundfunk als Autor und Übersetzer. Für seine dramatischen Arbeiten erhielt Ruge den Schiller-Förderpreis des Landes Baden-Württemberg. Sein erstes Prosamanuskript „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wurde im Jahre 2009 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet; der daraus entstandene Roman erhielt den Aspekte-Literaturpreis und den Deutschen Buchpreis. Das Buch ist im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.

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