Sonnenaufgang an der Adria-Autobahn auf dem Rückweg. Foto: Alexander Baumbach
August 14, 2020

In 36 Stunden zum doppelten „Eisenarsch“

Von alexander

1610 Kilometer Fahrstrecke, 24 Stunden Zeit, ein Motorrad: das sind die Voraussetzungen für die Aufnahme in einen sehr exklusiven Club – die „Eisenärsche“. Warum ich gleich zweimal diese Tort(o)ur auf mich genommen habe?

Ich war Anfang Juli in Apulien – und Alitalia hatte mir sehr kurzfristig meine Flüge gecancelt. Also habe ich kurzerhand das Motorrad geschnappt und mir überlegt, ich fahre einen SS1600K. Einen was? Einen „Saddle Sore 1600 kilometers“. Der ist in etwa gleichbedeutend mit einem SS1000 der IBA (Iron Butt Association) – also der Gemeinschaft der „Eisenärsche“. Und er bedeutet, dass man mit dem Motorrad mindestens 1610 Kilometer in höchstens 24 Stunden zurücklegt und das auch noch sauber mit Tankquittungen und Fotos belegt.

Und nein: ich bin nicht nur einen gefahren, sondern gleich zwei. Die Hinfahrt von Ateritz nach Fasano und die Rückfahrt haben jeweils die Bedingungen erfüllt. Und ja: ich hatte etwas Bammel davor. Und nein: ich bin mitnichten blauäugig an die Sache herangegangen.

Mein Motorradtrip in die Karpaten nach Rumänien im Vorjahr war vergleichsweise überschaubar: relativ wenig Gepäck (nach Süditalien musste ich diesmal ja auch meine Technik samt Laptop mitnehmen), der längste Stint waren 1000 Kilometer, auf der Rücktour zwei Mal 800 Kilometer. Diesmal hatte ich schon größere Bedenken.

Meine längste Autofahrt hatte mich im zarten Alter von 22 von Wittenberg über Kiel nach München in reichlich 18 Stunden und über 1400 Kilometer geführt. Aber da war ich deutlich jünger und hatte jemanden zum Quatschen dabei.

Für den Iron-Butt-Ride lag mein 40. Geburtstag jetzt erst eine Woche zurück. Pro-Argument diesmal: die ersten 1200 Kilometer bis Rimini kannte ich schon: Bis München bin ich früher an den Wochenenden gependelt. Nach Südtirol fährt man grundsätzlich in Urlaubslaune. Und von Rimini bin ich vor einigen Jahren auch schon mal unter Zeitdruck an einem Stück heimgefahren. Allerdings mit vier Rädern.

Aber jetzt zur eigentlichen Tour, die schon damit begann, dass der Start gar nicht so trivial war. Nach dem Aufbruch gegen 3 Uhr von meinem Landsitz in Ateritz musste ich mich umleitungsbedingt erstmal 24 Kilometer durch viele Wildwechsel bis zu einer Tankstelle durchkämpfen, die auch nachts geöffnet hat. Der offizielle Ride startet nämlich erst mit der ersten Tankquittung.

Also: Rüssel an der Q1 in Oranienbaum rein, bezahlen, Tankquittung neben dem Gesamtkilometerzähler halten und fotografieren, Datensatz im Notizblock ausfüllen (inklusive Koordinaten, die später bei der Dokumentation helfen) und dann alles wasserdicht verpacken. Dann kann es weitergehen.

Meine gute, treue Honda NT700V Deauville bietet auf der Autobahn mit Richtgeschwindigkeit 140 km/h eine Reichweite von mindestens 280 Kilometern, ohne graue Haare zu bekommen, dass einem der Sprit ausgeht. Zum Thema Motorrad noch: Ich habe „nur“ einen A2-Führerschein, und die Deauville ist auf 48 PS gedrosselt. Hab ich irgendwo Leistung vermisst? Nein.

Koffein aufgefüllt, Vignette geklebt. Foto: Alexander Baumbach
Koffein aufgefüllt, Vignette geklebt. Foto: Alexander BaumbachFoto: Alexander Baumbach

Fluffig ging es auf die Autobahn A9. Trotz langer Hose und dicker Jacke war es ganz schön frostig bei 15 Grad im Dunkeln. Mit zwei kurzen Stopps (einer zum Tanken, einer zum Vignette kaufen) ging es bis auf den Münchener Ring, der mit viel Berufsverkehr für die ersten paar hundert Meter Stau sorgte. Jetzt kam auch die Sonne raus.

Deauville vor Alpenpanorama. Foto: Alexander Baumbach
Deauville vor Alpenpanorama. Foto: Alexander Baumbach

In Österreich wurde wieder vollgetankt, um die günstigen Spritpreise zu nutzen. Die Italiener nehmen es tatsächlich von den Lebenden. Während coronabedingt in Deutschland die Preise für Super recht angenehm waren, habe ich an der teuersten Tankstelle in Italien 1,859 Euro pro Liter gezahlt. Natürlich an der Autobahn.

On the road again. Foto: Alexander Baumbach
On the road again. Foto: Alexander Baumbach

Hinter dem Brenner konnten sich die Wolken in Südtirol nicht entscheiden, ob sie sich abregnen wollen. So bin ich mit wenigen Regentropfen auf dem Visier in die Gluthitze der Po-Ebene gekommen. Ab jetzt war Schitzmanagement angesagt: Helm auf, Jackenschlitze auf und vom Fahrtwind wie ein Michelin-Männchen aufpusten lassen. Ja, das ist die Klimaanlage des Motorradfahrers!

Pause am Brenner - Foto: Alexander Baumbach
Pause am Brenner – Foto: Alexander Baumbach

In Bologna bin ich auf die „Autostrada del Sole“ aufgebogen, die besser in diesem Sommer „Autostrada del Baustelle“ heißen sollte. Scheinbar werden hier auf fast 700 Kilometern alle Brücken und Tunnels renoviert. Alle. Gleichzeitig. Mit einspuriger Verkehrsführung. Die vorbeiziehende Szenerie macht das aber mehr als wett. Und: auf italienischen Autobahnbaustellen sieht man tatsächlich Bauarbeiter beim Arbeiten. Und sie sind fantastisch abgesichert. Dafür zahle ich – ohne jegliche Ironie – gern Maut. Insgesamt sind übrigens für Hin- und Rückweg insgesamt 175,40 Euro Maut aufgelaufen (zwei Mal Brenner-Passage á 10 Euro, 5,40 Euro für die kleinste Motorradvignette und zwei Mal Autostrada-Maut von der österreichischen Grenze bis Bari-Nord á 75 Euro).

Nach 16 Stunden und 13 Minuten zeigte der Tageskilometerzähler 1610 Kilometer, also 1000 Meilen seit der Abfahrt in Ateritz. Psychologisch ist damit der Ride im Sack – allein: jetzt muss natürlich noch ein wenig Reserve herausgefahren und per Quittung dokumentiert werden.

1000 Meilen sind geschafft. Foto: Alexander Baumbach
1610 Kilometer, 1000 Meilen sind geschafft. 16 Stunden und 13 Minuten nach dem Aufbruch in Ateritz. Foto: Alexander Baumbach

75 Euro italienische Maut später bog ich bei Bari-Nord auf die SS16 ab, die mich gemütlich die letzten 60 Kilometer zum Ziel brachte. Direkt neben dieser Strada Statale gibt es zahlreiche Tankstellen, die mir ermöglichten, den Ride abzuschließen. Dann nahm ich auch schon meine wundervolle Gastgeberin Caroline Groszer von der Masseria Alchimia in Empfang, die mit Salami, Käse und einer hervorragenden Flasche Wein aufwartete – die ich mir schnurstracks in der riesigen Badewanne der Junior Suite einverleibte.

Ankunft an der Masseria Alchimia in Fasano, Apulien, Italien. Foto: Alexander Baumbach
Ankunft an der Masseria Alchimia in Fasano, Apulien, Italien. Foto: Alexander Baumbach

Was ich dort sonst noch getrieben habe? Nun, meine Abenteuer sind hier bei der Mitteldeutschen Zeitung nachzulesen. Oder bei Mortimer Reisen.

Motiviert von der Hinfahrt vier Tage zuvor machte ich mich ausgeruht am Sonntagmorgen mitten in der Nacht auf den Weg von der Masseria Alchimia in Fasano zurück nach Hause.

Bezaubernde Sozia in der Masseria Alchimia in Fasano, Apulien, Italien. Foto: Alexander Baumbach
Bezaubernde Sozia in der Masseria Alchimia in Fasano, Apulien, Italien. Foto: Alexander Baumbach

Wenige Minuten nach der Abfahrt tankte ich das erste Mal an der günstig gelegenen Q8-Tankstelle an der Strada Statale 16. An den Automaten-Tankstellen bekommt man automatisch alle Quittungen, die man braucht.

Bei anderen Zapfanlagen, die an italienischen Autobahnen (momentan wegen Corona?) mit Tankwart aufwarten, bekommt man zwar seine Kreditkarten ausgehändigt – nach dem Rechnungszettelchen mit Literangaben, Preis, Uhrzeit und Co. (mit der Bezeichnung „Ticket“ konnte jeder Tankwart etwas anfangen) muss man aber meist gesondert nachfragen.

Mit dem Motorrad in den Olivenhainen Apuliens. Foto: Alexander Baumbach
Mit dem Motorrad in den Olivenhainen Apuliens. Foto: Alexander Baumbach

Auf dem Weg nach Bari-Nord wurde ich noch von zahlreichen Autos begleitet. Ab der Auffahrt auf die Autostrada del Sole fühlte ich mich aber im Dunkel der Nacht wie ein Raumfahrer. Nur eine Handvoll anderer Verkehrsteilnehmer begegneten mir auf den nächsten hunderten Kilometern. Den Sonnenaufgang über dem Meer erlebte ich drei Stunden später auf einem Parkplatz nahe Marina di Massignano.

Sonnenaufgang an der Adria-Autobahn auf dem Rückweg. Foto: Alexander Baumbach
Sonnenaufgang an der Adria-Autobahn auf dem Rückweg. Foto: Alexander Baumbach

Meinen ersten Kaffee nahm ich in Bologna zu mir, bevor ich mich den langen Weg durch Südtirol bis zum Brenner kämpfte. Hier meldete sich der Hunger zu Wort. In Österreich gab es nicht nur reichlich günstigen Treibstoff, sondern auch die erste richtige Mahlzeit des Tages.

Beim vorletzten Tankstopp in Bayreuth war ich überrascht, dass man meine alte Grundausbildungs-Kaserne auch im Ansatz nicht mehr erkennen kann. Hier wird fleißig gebaut. Wahrscheinlich müsste man hier mal ein wenig Zeit mehr einplanen und auch mal auf den Oschenberg hinauftoben.

Mit viel Seitenwind waren die letzten Kilometer heruntergespult. Und zum Abschluss gab es meine Lieblingsstrecke durch die Kurven der Dübener Heide, da jetzt die Kemberger Tankstelle noch geöffnet hatte – und ich damit meine Finish-Quittung direkt vor der Haustür bekommen konnte.

Alitalia habe ich mittlerweile verklagt. Meine Ticketgebühren, die sie mir im Juni von der Kreditkarte abgezogen haben und laut EU-Recht innerhalb von sieben Tagen erstatten sollten, sind bis heute (Stand: Mitte August) noch nicht wieder bei mir angekommen. Und die IBA hat meine beiden Rides vollumfänglich anerkannt (mit 1.760 bzw 1.761 dokumentierten Kilometern). Nun warte ich noch auf die offiziellen Urkunden, die mir das bestätigen.

Fazit Hinfahrt: Mein kleiner Tagesausflug nach Fasano endet nach 1794,5 Kilometern in 18 Stunden und 97,17 Litern Sprit.

Fazit Rückfahrt: 18 Stunden Fahrzeit brutto, 1770 Kilometer, 105,44 Liter Sprit.

Links:

Mein Reisebericht bei der Mitteldeutschen Zeitung.

Meine Eindrücke bei Mortimer Reisen.

Die Tour zum Nachfahren: https://kurv.gr/K5gTE

Ateritz - Fasano Landkarte
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