Meine Reise ins Überleben – Richard Wiener

Ich bin froh, dass ich Richard Wiener kennenlernen durfte. Bei einem Stadtfest „Luthers Hochzeit“ in Wittenberg hatten wir einen gemeinsamen Fototermin. Er vor der Linse, ich dahinter. Und aus irgendeinem Grund mussten wir noch auf etwas warten. Wir kamen ins Gespräch. Er, der Ehrenbürger der Lutherstadt, als Elfjähriger aus Wittenberg vertrieben, weil er Jude ist. Ich, der Pressefotograf der Lokalzeitung. Am Ende unterhielten sich zwei Wittenberger miteinander. Er mit 90 Jahren, ich Mitte dreißig. Ein kluger, erfahrener, weitgereister Mann. Charismatisch und unkompliziert.

Meine Reise ins Überleben - Richard Wiener - Buchcover
Meine Reise ins Überleben – Richard Wiener – Buchcover

In „Meine Reise ins Überleben – Von Unterdrückung und Vergebung“ schildert Richard Wiener seine Lebensgeschichte. 1927 wurde er in Wittenberg als Sohn jüdischer Eltern geboren, wuchs in der Lutherstraße auf. Als in der Reichspogromnacht ein wütender Mob vor der elterlichen Wohnung auftaucht, endet schlagartig seine Kindheit. Der Vater kommt ins KZ, Richard geht Monate später mit seinem Cousin Manfred auf eine Reise nach England. Dort holen ihn seine Eltern ein, bevor der Weg der Familie weiter in die USA führt. Richard wird 1945 Soldat: einen Tag, nachdem die Hiroshima-Bombe fällt. Über die Jugendjahre, Studium, Ehe und zahlreiche Reisen schließt sich der Kreis von Richard Wieners Lebensstationen, als er 1990 erstmals zurück nach Wittenberg kommt.

Letzte Woche haben wir mir ihm ein Video zum Gedenken an den 80. Jahrestag der Reichspogromnacht gemacht, in dem er aus seiner Lebensgeschichte erzählt.

Richard Wiener spricht zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in Wittenberg.

Fazit

„Meine Reise ins Überleben“ ist ein starkes Buch. Ich habe das Buch innerhalb von 24 Stunden regelrecht verschlungen. Die Schreibe ist flüssig, streckenweise hochpoetisch (wenn man sich vor allem die amerikanischen Ausflüge anschaut). Zum Ende hin wird die Aufzählung der Reisen etwas zäher, um dann aber bei der Rückkehr nach Wittenberg noch einmal sehr emotional zu werden.

Über das Buch „Meine Reise ins Überleben“

Ich habe eine Sonderauflage für die Landeszentrale für politische Bildung im Regal stehen. Unter der ISBN 978-3-942005-45-6 ist das Buch im Drei Kastanien Verlag Wittenberg 2014 in erster Auflage erschienen. Der Verleger Mario Dittrich ist ein guter Freund des Autors geworden. Er hat das Werk aus dem Amerikanischen übersetzt, wo es unter dem Titel „Survivor’s Odyssey, …from oppression to reconciliation“ im Jahr zuvor erschienen war. Zahlreiche Bilder aus der privaten Sammlung des Autors nehmen den Leser mit auf die Lebensreise von Richard Wiener.

Wer sich mehr für die Geschichte der Juden in der Lutherstadt Wittenberg interessiert, sollte sich den Namen Ronny Kabus merken. Er hat zur Thematik geforscht.

Das Geheimnis zweier Ozeane – Grigori Borissowitsch Adamow

Das supergeheime und supermoderne U-Boot „Pionier“ läuft in der Sowjetunion vom Stapel. Zusammen mit dem jungen Passagier Pawlik erforscht der Leser Das Geheimnis zweier Ozeane im gleichnamigen Buch von Grigori Borissowitsch Adamow.

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Heinz Ulrich – Fast vergessene Schicksale zwischen Mulde und Fläming

Heldentaten, das verspricht Heinz Ulrich, will er nicht schildern. Das ist auch schwerlich möglich bei dem Thema, das sich der Mann gewählt hat, der als Neunjähriger die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges an der Elbe erlebt hat.

Die 9. US-Armee rückt von Westen auf den großen Strom vor. Aus dem Osten kommt die Rote Armee über die Oder. Berlin wird Frontstadt. Und in all dem Schlamassel befiehlt Adolf Hitler, der jeglichen Bezug zur militärischen Realität verloren hat, die Aufstellung einer neuen Armee. Die Zwölfte wird sie heißen. In die Geschichte geht sie ein als „Armee Wenck“, benannt nach ihrem Befehlshaber. Continue reading „Heinz Ulrich – Fast vergessene Schicksale zwischen Mulde und Fläming“

Ronny Kabus – Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich

Es muss ein kalter Juni im Jahr 1935 gewesen sein. Der Wetterbericht im „Wittenberger Tageblatt“ schreibt von „über dem Reich liegenden polaren Luftmassen“. In der Lokalzeitung wird zudem ein neuer Oberbürgermeister im Amt begrüßt – Dr. Dr. Otto Rasch: gebürtiger Ostpreuße, Verwaltungsfachmann, Jurist, verhinderter Marine-Offizier.

Und Jahre später einer der größten Massenmörder des Zweiten Weltkrieges. Sein Amtsvorgänger, Regierungsassessor Dengler, wird mit einem gemütlichen Abend im Freitagsklubzimmer von „Balzers Festsälen“ verabschiedet. Ein Karrieremensch Rasch will „mit heißem Herzen an die ihm hier zufallenden Aufgaben herangehen“. Der am 7. Dezember 1891 in Friedrichsruh (heute Teil der russischen Exklave Kaliningrad) geborene Politikwissenschaftler und Jurist ist ein Karrieremensch. Vor dem ersten Weltkrieg hatte er sich in die Grundlagen der Verwaltung eingearbeitet, arbeitete dann als Privatsekretär bei einem Grafen. Continue reading „Ronny Kabus – Juden der Lutherstadt Wittenberg im III. Reich“