So. Durch.
Dieses Buch ist mir schwergefallen. Ich kannte den Rückentext. Der Autor Rupert Martell hat mir ein freies Rezensionsexemplar zukommen lassen. Der Stoff interessiert mich (alleinerziehender Vater findet sich in der Welt der nachehelichen Beziehungen wieder – und (wird ge-)scheitert). Und doch habe ich mich monatelang vor dem Lesen gedrückt – weil ich Angst hatte, es mit einem Kitschroman zu tun zu bekommen, der meine Erlebniswelt der letzten beiden Jahre banalisiert und neben Rosamunde Pilcher und andere Groschenheftchen einreiht.
Soviel vorab – ich hab mich umsonst gefürchtet.
Ich erspare mir hier eine längere Inhaltsangabe. Wer die haben möchte, kann sie hier auf Ruperts Homepage erfahren. Ich möchte grundsätzlich über das Buch und mich berichten.
Da schreibt ein mitten im Leben stehender Mann davon, wie eben dieses nach und nach zerbricht. Bis er plötzlich mit einem Paukenschlag in einer anderen, einer schlimmen Realität ankommt. Über die Phasen der Trauer und des reinen Funktionierens wird schnell berichtet. Und plötzlich befand ich mich beim Lesen der Stufen in einem Spiegel.
Nur dass ich mich nicht im Protagonisten, sondern in der bindungsscheuen Felizitas wiedergefunden habe. Sie scheut sich davor, in eine enge Beziehung zu treten – es ist immer alles “zu früh” für sie. Und über den weiteren Verlauf des Buches lerne ich, dass der eigentlich perfekte Mann für sie (Norbert) gar nicht zu ihr passt – weil sie mit der Perfektion nicht glücklich ist. Und ich habe festgestellt, dass vieles davon auch auf mich – zumindest im Moment – auch zutrifft. Und ich hab durch die Sichtweise, die ja quasi von außen mein Buchpendant blickt, vieles über mich selbst gelernt – und wie ich auf andere Menschen wirken muss.
Auch interessant finde ich die Gedanken zum Thema Patchworkfamilie (Norbert und Felizitas sind beide alleinerziehende Eltern von jeweils einer Tochter). Er beschreibt hier sehr anschaulich viele Schwierigkeiten, zwei Menschen in ihrer Beziehung zueinander zu festigen, die eigentlich aus einer Vierecksbeziehung besteht. Mit vielen Chancen, aber noch mehr Risiken behaftet – was die Gefahr des Scheiterns, aber auch die Hoffnung auf ein Gelingen sehr authentisch wiedergibt.
Rupert schreibt in einem wahnsinnig gefühlvollen, intelligenten Ton. Das ganze Buch geht von vorn bis hinten mit seinen literarischen und philosophischen Anspielungen, Zitaten und Querverweisen von einem hohen allgemeinen Bildungsstand des Lesers aus. Und das macht allein schon sprachlich riesigen Spaß – er geht sogar so weit, in seinen vielgebrauchten Querverweisen und Zitaten Stellen aus der Bibel einzubinden und ihnen einen noch viel tieferen Sinn in seiner Geschichte zu geben.
Hier kommt es aber auch zu (wenn auch extrem seltenen – ist mir nur an zwei, drei Stellen aufgefallen) Schwachstellen, wenn einzelne Dialogteile zu konstruiert und aufgesetzt wirken. Aber was wäre ein gutes Buch ohne jeglichen Kritikpunkt?
Fazit: Ein großartiges Buch. Sprachlich und stilvoll im oberen Segment einzuordnen, realistische und tiefgängige Handlung. Wer mit dieser Materie schon mal am eigenen Leib zu tun hatte, sollte ein Leseabenteuer in die eigene Gefühlswelt riskieren.
Spannung: 4/5 (hab es an zwei Tagen gelesen)
Anspruch: 4/5 (viele Literaturzitate)
Sprachliche Gestaltung: 5/5 (rundum gelungen)
Alltagswert: 4/5 (nach einer gescheiterten Beziehung…)
Sympathie (Autor, Protagonist): 5/5 (man wünscht dem armen Norbert von Herzen alles Gute!)
Mehr über den Autor Rupert Martell und seinen Roman erfährt man auf dessen Webseite.
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