Renate Finger – Akute Verzweiflung

Renate Finger - Akute Verzweiflung. Buchcover

Renate Finger hat einst zwei Jahre lang um ihre Ausreisegenehmigung aus der gekämpft. Jetzt – mit über 20 Jahren Abstand – bringt sie ein Buch heraus, dass ihren Lebensabschnitt von Januar 1987 bis zum April 1989 beschreibt. „Akute Verzweiflung“ heißt die Chronologie einer Ausreise, die nun in der Edition Freiberg erschienen ist.

Preis: Derzeit nicht verfügbar

Die heutige Rentnerin wollte ihre ostdeutsche Heimat nicht aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, sondern ihre Mutter pflegen, die im Westen alleine lebte. „Ich wusste, dass mir drüben nicht die gebratenen Tauben in den Mund flogen“, beschreibt sie das Fazit eines Besuchs in den frühen 80er Jahren.

Da ihre Mutter nicht in die DDR ziehen wollte, blieb für Renate Finger nur eine Möglichkeit: die Ausreise in die Bundesrepublik. „Ich habe gewusst, dass das eine schwere Zeit wird, aber Angst hatte ich keine“, erzählt sie heute. Da sich die zuständigen Stellen beim Rat des Kreises auf eine Hinhalte-Taktik verständigten, wurde aus der anfänglich gut integrierten Frau – mit Begeisterung spricht sie noch heute von der Zeit bei der Zivilverteidigung – eine Rebellin.

Den Pfad der Legalität wollte sie dabei nicht verlassen. Zumindest nicht gänzlich. So wäre eine Flucht über die DDR-Grenze nach Westdeutschland für sie nicht in Frage gekommen. Renate Finger wollte über die grüne Grenze zwischen CSSR und Ungarn, um ihr Anliegen bei der westdeutschen Botschaft in Budapest vorzutragen.

Druck wollte sie machen, damit wieder Bewegung in die Bearbeitung ihrer Akte komme. Viele Briefe, gerade an den Staatsrat und an die Regierung der BRD seien von der Staatssicherheit abgefangen worden. Beim Grenzübertritt nach Ungarn wurde sie allerdings geschnappt. Die Menschlichkeit und das Mitgefühl der ungarischen Sicherheitskräfte sprechen aus den Zeilen des Buches – bis dann die ostdeutschen „Organe“ ihren Fall übernahmen.

Von Rachegefühlen oder Vergeltungssucht fehlt in ihrem Buch dennoch jede Spur. „Was soll ich da alte Wunden aufreißen? Die Leute, die mir damals das Leben schwergemacht haben, handelten doch auch nur nach ihrer Überzeugung“, berichtet sie. Um die Jahreswende 1988/89 wurde sie dann von Ungarn aus in die DDR ausgeflogen, verbrachte über Weihnachten fast vier Wochen in Stasi-Untersuchungshaft im „Roten Ochsen“ in Halle.

Im Gespräch werden ihre Augen feucht, wenn sie von ihren beiden Zellengenossinnen erzählt. „Ich hatte ja nichts, als ich ankam – und Anita und Ellen haben mir dann von ihrem wenigen an Heiligabend auch noch Geschenke gemacht“, berichtet sie von der verschworenen Frauengemeinschaft.

Ein Hallenser Anwalt half ihr dann, aus dem Gefängnis zu kommen. Gegen eine Geldstrafe von 2.500 DDR-Mark wurde sie entlassen und im April 1989 in die Bundesrepublik abgeschoben. Ihre beiden Söhne Steffen und Raimo waren zu dem Zeitpunkt erwachsen, halfen ihr über die schwere Zeit. Die beiden haben sie auch jetzt gedrängt, ihr Erinnerungen aufzuschreiben.

Die Notizen und die gesammelten Akten lagen seit Anfang der 90er Jahre im Schrank. Gut drei dicke Ordner sind es geworden. Dass soviel Aufwand um sie getrieben wurde, ist ihr noch heute rätselhaft. „Nur schade, dass mein Mann das nicht mehr erleben kann“, berichtet Renate Finger. Er ist kurz vor der Drucklegung gestorben, hat ihren Lebensweg seit der Übersiedlung begleitet.

Seit 2003 wohnt sie wieder in der alten Heimat, ihre Mutter hat sie damals mitgenommen. Sie ist 2004 im Alter von 90 Jahren gestorben. Mit ihrem Buch will sie jetzt auch der jüngsten Generation helfen, die letzten Tage der DDR und die lebendig werden zu lassen.

„Meine Enkelin ist jetzt in der zwölften Klasse, und da besteht ein großes Interesse, auch mal mit einem Zeitzeugen über die Vergangenheit zu sprechen“, berichtet sie.

Die zwei turbulenten Jahre Ende der 80er Jahre lassen sie auch heute noch nicht los. „Das Kapitel wird nie abgeschlossen sein, emotional bin ich immer damit verbunden“, sagt sie. „Ich bin keine Schriftstellerin“, gibt sich die ehemalige Jugendamts-Mitarbeiterin bescheiden.

Das merkt man ihrem Erstlingswerk jedoch nur stellenweise an. „Akute Verzweiflung“ ist im Oktober 2011 mit der ISBN 978-3-9813413-8-6 in der Edition Freiberg in Dresden erschienen.

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