Mondstation Ovillon - Henry Walter - Buchcover
Dezember 17, 2019

Mondstation Ovillon – Henry Walter

Von alexander

Hui, was für ein wilder Ritt! In Mondstation Ovillon von Henry Walter kommt neben Hard eine Menge Jules Verne, ein wenig Abenteuerroman, Gesellschaftsskritik und eine gehörige Portion Slapstick zusammen. Aber von vorn:

Nachdem das unausgereifte Raumschiff „Hugo“ bei seinem unerwarteten Jungfernflug ins All unkontrolliert verloren geht, macht sich eine unfreiwillige Rettungsmission in einem umgebauten U-Boot auf den Weg, dass mit einer Anti-Gravitations-Flüssigkeit zum Verlassen des Erdschwerefeldes gebracht wird.

Nach der geglückten Rettung der überlebenden Hugo-Besatzung kommen die Kosmos-U-Boot-Fahrer an der Rückseite des Mondes vorbei – und treffen dort auf eine -Kolonie. Da – Gott sei Dank – die technologische Entwicklung im gesamten Weltall nach den gleichen Gesetzen funktioniert, ist man sich gar nicht so fremd wir ursprünglich erwartbar wäre.

Die Martianer sprechen Spanisch, und Funktechnik und Co ist für Erdenmenschen leicht bedienbar. Einzig das moralische Grundgerüst der Marsbewohner lässt zu wünschen übrig: mangels eines christlichen Glaubens lebt die Marsbevölkerung in einer ständigen Diktatur. Und die Erdmond-Kolonie stellt sich schnell als Strafgefangenen-Arbeitslager dar, dass zum Uranabbau für den Energiehunger des Mars benutzt wird.

Unter den dortigen Gefangen sind aber nicht nur aufmüpfige Marsianer, sondern auch die Besatzung einer deutschen Rakete, die 1938 (!) in einem Anflug von überschwänglichem Freiheitsdrang (!) von der Heeresversuchsanstalt Peenemünde (!) aus in den Weltraum vordrang und auf dem notlanden (!!!) musste. Hier fristen die Gelehrten Wehrmachtsflüchtlinge seitdem ein Leben unter der Knute des -Kolonieverwalters.

Das Trio ist aber nicht der einzige irdische Fund, den die Raumfahrer machen. Als auf dem Mond und dem Mars parallel das Proletariat gegen die Diktatoren aufbegehren, treffen die Irdischen (allen voran Radio-Reporter Ambrose) auf drei Franzosen aus der Zeit Napoleons, die auf dem Mars dank einer überlegenen medizinischen Behandlung nicht gealtert sind.

Wie der Zusammenprall der verschiedenen Zivilisationen schlussendlich langfristig vor sich geht, bleibt in Mondstation Ovillon unbeantwortet. Aber nicht nur das…

Was aus der Revolution wird? Ob es Liebe im Kosmos gibt? Und was aus unseren tapferen Weltraumfahrern wird? Das musst du schon selbst herausfinden.

Fazit

Ein bißchen Hans Dominik, ein bißchen Wild-West-, ein bißchen Liebe, eine gehörige Portion Klamauk: das ist der Stoff, aus dem Mondstation Ovillon besteht. Keine Sternstunde der Nachkriegs-Science-Fiction – aber durchaus eine kurzweilige Lektüre mit überraschenden Momenten.

Über das Buch Mondstation Ovillon

Mondstation Ovillon - Henry Walter - Buchcover
Mondstation Ovillon – Henry Walter – Buchcover

Meine leinengebundene Hardcover-Ausgabe ist auch optisch als Nachkriegsware auszumachen. Die Qualität des verwendeten Papiers lässt direkte Rückschlüsse auf die Versorgungslage des deutschen Verlagswesens in den besetzten Gebieten zu. Als „Utopischer Roman“ wird Mondstation Ovillon im Delta Verlag Bischofswiesen in Oberbayern herausgegeben, unter strengem Blick der amerikanischen Militärregierung in Berlin. Insgesamt umfasst die Geschichte 319 Seiten.

Über den Autor Henry Walter

Henry Walter ist ein Fleißarbeiter der literarischen Jahrhundertmitte – allein schon, was die Zahl seiner Pseudonyme angeht. Als Kurt Walter Roecken kam er 1906 in Essen zur Welt, später nimmt er sein Haupt-Pseudonym C.V. Rock auch in der Realität als Namen an. So stirbt er auch 1985 in Garmisch-Partenkirchen.

Der mit der Jüdin Eva Jessl Verheiratete hatte unter den Nazis wenig zu lachen, konnte aber weiter arbeiten. Seine Frau überlebte den Holocaust und stirbt 1963 nach langer Krankheit, was bei Rock schwere Depressionen auslöst. Später verliebt er sich erneut und heiratet seine 1922 geborene zweite Frau Gini.

Er bringt sich selbst Englisch bei (schriftlich, nicht mündlich) und vertieft sich in die Kunst des nordamerikanischen Krimis. Dabei glänzt er durch Hintergrundrecherche, arbeitet eng mit der Polizei zusammen und erwirbt sich einen guten Ruf bei den Ordnungshütern als „Kommissar ehrenhalber“. Seine Romanfigur Reg Chappell wird als Vorläufer von Jerry Cotton angesehen.

C.V. Rock hinterließ drei Söhen aus erster Ehe.