Günther Krupkat – Die Unsichtbaren

Die Unsichtbaren - Günther Krupkat - Illustration: Hans Rede - Buchcover

Ich schicke gleich eines vorneweg: Dieses Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen. Warum? Ganz einfach: Die Unsichtbaren ist eine Mischung aus gutgedachter Zukunftsvision, ein wenig Liebesgeschichte und Agententhriller auf der Erde und im Weltraum.

Die Unsichtbaren - Günther Krupkat - Illustration: Hans Rede - Raumschiffe Phobos und Deimos werden an Raumstation Kosmos III montiert
Die Unsichtbaren – – Illustration: – Raumschiffe Phobos und Deimos werden an Kosmos III montiert

Aber von vorn: Aus der Perspektive von 1957 springen wir ins Jahr 1999. Auf den beiden (sozialistischen) Raumstationen Kosmos I und III laufen die letzten Vorbereitungen, um die beiden Erkundungsraumschiffe Phobos und Deimos zu entsenden, endlich auf dem zu landen.

Dabei geraten wir nicht nur in den Strudel der letzten Zuckungen kapitalistischer Gier, sondern auch in die geheimnisvollen Tätigkeiten der Unsichtbaren, die Forschungsslabore und Wissenschaftszentren in der sozialistischen Welt besuchen und dort den britischen Ermittler O’Brien auf den Plan rufen (auch die britischen Inseln sind natürlich mittlerweile sozialistisch. Ist doch klar, oder?)

Wer sind die Unsichtbaren?

Sind die Unsichtbaren eine neue Teufelei der Desperados (also der Kapitalisten)? Woher kommen sie? Wie machen sie sich unsichtbar? Fragen über Fragen lassen den Briten mit Rätseln zurück.

Die Unsichtbaren - Günther Krupkat - Illustration: Hans Rede - Eliza vor dem Raumschiff Luna
Die Unsichtbaren – Günther Krupkat – Illustration: Hans Rede – Eliza vor dem Raumschiff Luna

Zeitgleich begleiten wir die Arbeit des designierten Flottenchefs Hollberg bei der Entwicklung der beiden Raumschiffe, die zum Mond starten sollen – und seine Liebesgeschichten mit der (kapitalistischen) Eliza van Meeren und der (sozialistischen) Wissenschaftlerin Lilian. Auch er hat ein dunkles Geheimnis. Am spannendsten aber ist sicherlich der Nebenplot des Ober-Kapitalisten Basil Varone. Dieser miese, alte Schuft hat selbst ein Raumschiff auf Kiel gelegt, dass zum Mond fliegen soll – um dort Grundstücke an die meistbietenden Idioten seiner kapitalistischen Sphäre zu verhökern.

Als dann noch von den Kapitalisten vor der Küste Norwegens der Leichnam eines seltsamen Wesens aus dem Wasser geborgen wird, werden die Dinge endgültig kompliziert. Ein Anschlag auf die beiden Raumschiffe steht bevor – und die einzige Möglichkeit der Rettung winkt aus dem Lager der Desperados. Und welche Rolle spielen die fremden Wesen, die plötzlich quicklebendig auf dem Mond und im Weltall auftauchen?

Die Unsichtbaren - Günther Krupkat - Illustration: Hans Rede - Atomexpreßzug
Die Unsichtbaren – Günther Krupkat – Illustration: Hans Rede – Atomexpreßzug

Es sind die netten „Nebensächlichkeiten“, die bei der Lektüre viel Spaß machen. Der Atomexpresszug etwa, mit dem O’Brien und Lilian zwei Stationen mitfahren (von Berlin nach Innsbruck) – der rauscht nämlich auf seiner Fünf-Meter-Spur in Doppelstockwagen von Narvik nach Sizilien. Jeden Tag. In 22 Stunden. Die weiße Stadt Berlin, die aus den schwarzen Trümmern des letzten Weltkrieges aufgebaut wurde. Oder auch das etwas rückständige Bayern, in dem im Jahr 1999 immer noch solch altmodische „Benzinkutschen“ herumfahren.

Fazit

Wer ein spannendes, unterhaltendes und schön ausgedachtes Retro-Sci-Fi-Büchlein für die Jackentasche sucht, was einen schönen Abend verspricht, ist bei „Die Unsichtbaren“ genau richtig. Und außerdem erfährt man ganz nebenbei, wie Atlantis untergegangen ist.

Über das Buch Die Unsichtbaren

Die Unsichtbaren - Günther Krupkat - Illustration: Hans Rede - Buchcover
Die Unsichtbaren – Günther Krupkat – Illustration: Hans Rede – Buchcover

Mein Exemplar von Die Unsichtbaren ist wieder in der Gelben Reihe des Verlages Das Neue Berlin erschienen. Die erste Auflage datiert auf 1958, das Nachwort zum Buch schreibt Krupkat im Oktober 1957 (also als der erste Sputnik von der ins All geschossen wird). Insgesamt füllt Krupkat 223 Seiten. Die (sehr schönen) Illustrationen steuert Hans Rede bei.

Die DEFA verfilmte Motive des Romans Die Unsichtbaren im Jahr 1968 unter der Regie von Günther Krupkat selbst. Dieser Dreiteiler, der auch als ostdeutsche Antwort auf Raumpatrouille Orion bezeichnet wird, flimmerte unter dem Titel „Stunde des Skorpions“ über die Mattscheiben. Auf dieser Webseite gibt es ein Repro der Titelseite einer Fernsehzeitung, die den Film im Dezember 1968 „featured“.

Aus dem Nachwort

Märchenhafte Städte unter dem künstlichen Klima eines ewigen Frühlings, Atomexpreßzüge, vollautomatische Raumschiffe – eine neue Welt unter entscheidend veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen. Und das in wenig mehr als vierzig Jahren? Dem Skeptiker empfehle ich einen kurzen Rückblick auf die Zeit vor vierzig Jahren. Gab es 1918 schon Rundfunk, Radar und Fernsehen? Flog man damals schon mit Überschallgeschwindigkeit? Verstand man es, die ungeheure Kraft des Atoms zu gebrauchen? Kreisten künstliche Erdsatelliten bereits um den Erdball? Nichts von alledem! Es ist wirklich so, wie Professor Camington zu O’Brien sagte, „daß heute möglich ist, was gestern noch unmöglich schien, und morgen das eine Selbstverstädnlichkeit sein kann, was wir heute ins Reich der Phantasie verwiesen“. Und wie sehr hat sich das Tempo der Entwicklung auf dem Gebiet der Technik in den letzten Jahrzehnten beschleunigt!

Über den Autor

Günther Krupkat
Günther Krupkat

In der Person Günther Krupkats vereinen sich die beiden Berufe, die für einen Science-Fiction-Autor offenbar die perfekte Mischung sind: Ingenieur und Schriftsteller. Am 5. Juli 1905 in Berlin geboren wuchs er direkt in die Zeit des Nationalsozialismus herein. Aus Geldmangel musste er sein Ingenieurstudium abbrechen und schlug sich als Fabrikarbeiter und Elektromonteur, aber auch als Reklametexter, Filmdramaturg und Journalist durch.

Eine erste utopische Erzählung („Od“) fiel 1924 bei den Verlagen durch, weil sie ideologisch zu weit links stand. Offenbar blieb er sich und seinen politischen Idealen auch in den Folgejahren treu: durch seinen Widerstand gegen die Nazis musste er in die Tschechoslowakei flüchten.

Nach dem Krieg lebte Krupkat in der , beendete in Berlin sein Ingenieurstudium und arbeitete anschließend wieder für die Presse. Seit 1955 ist er freiberuflich tätig, vor allem im utopischen und phantastischen Feld.

Neben dem utopischen Arbeitsfeld tobt sich Krupkat auch anderweitig aus: 1957 erscheint mit „Das Schiff der Verlorenen“ ein Buch über den Untergang der Titanic. Ein Jahr später kommt dann „Das Gesicht“ heraus, dass er 1962 auch für das Fernsehen bearbeitet. 1960 wird das Schauspiel „AR 2 ruft Ikarus“ aufgeführt. Ein Jahr vor der Mondlandung beschäftigt er sich mit Fernsehspielen wie dem dreiteiligen Fernsehfilm „Stunde des Skorpions“, der Elemente seines Roman „Die Unsichtbaren“ verwendet und bei dem Krupkat auch Regie führt.

Auf seine Initiative hin gründete sich im DDR-Schriftstellerverband ein Arbeitskreis „Utopische Literatur“, dessen Vorsitzender er von 1972 bis 1978 war. 1985 gibt es als Lohn für die kontinuierliche Arbeit den Vaterländischen Verdienstorden in Silber.

Seine bekanntesten Werke, die in der Prä-Astronautik der DDR-Science-Fiction angelegt wurden, sind „Nabou“ und „Als die Götter starben“. Außerdem habe ich hier im Blog auch über „Die große Grenze“ aus seiner Feder geschrieben.

Andreas Reber hat sich auf seinem Blog Life in the 22nd century in der Autorenübersicht mit Günter Krupkat auseinandergesetzt. In der Wikipedia findet man Günther Krupkat hier. Auch in FictionFantasy.de gibt es einen Eintrag für Günther Krupkat.

Ein Kommentar zu „Günther Krupkat – Die Unsichtbaren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.