Heinz Ulrich – Fast vergessene Schicksale zwischen Mulde und Fläming

ADN-Zentralbild/Archiv II. Weltkrieg 1939-45 Unser Bild zeigt die durch britisch-amerikanische Luftangriffe verursachten Bombenschäden in Berlin, Friedrichstraße Ecke Dorotheenstraße, wo sich das Varieté "Wintergarten" und das Cafe gleichen Namens befanden. (Aufnahme entstand vor dem 9.4.1945) 343-45. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-J31399 / Unknown / CC-BY-SA 3.0

Heldentaten, das verspricht Heinz Ulrich, will er nicht schildern. Das ist auch schwerlich möglich bei dem Thema, das sich der Mann gewählt hat, der als Neunjähriger die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges an der Elbe erlebt hat.

Die 9. US-Armee rückt von Westen auf den großen Strom vor. Aus dem Osten kommt die Rote Armee über die Oder. Berlin wird Frontstadt. Und in all dem Schlamassel befiehlt Adolf Hitler, der jeglichen Bezug zur militärischen Realität verloren hat, die Aufstellung einer neuen Armee. Die Zwölfte wird sie heißen. In die Geschichte geht sie ein als „Armee Wenck“, benannt nach ihrem Befehlshaber.

Sollte Berlin vor der roten Armee retten: General Walter Wenck. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-237-1051-15A / Schneider/Kunath / CC-BY-SA 3.0
Sollte Berlin vor der roten Armee retten: General Walter Wenck. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-237-1051-15A / Schneider/Kunath / CC-BY-SA 3.0

Unter den vielen tausend Feldgrauen sind auch der spätere Außenminister der Bundesrepublik Hans-Dietrich Genscher und der Kabarettist Dieter Hildebrandt. Die Armee soll das Rad der Geschichte herumdrehen – mit Kindersoldaten und mit Arbeitsdienstlern, die nicht einmal mehr eine Wehrmachtsuniform bekommen.

Dünne Fakten

In seinem jüngsten Buch, das eigentlich aus zwei längeren Materialsammlungen besteht, will Heinz Ulrich buchstäblich ein wenig Licht ins Dunkel der Vergangenheit bringen. Unter dem sperrigen Titel „Die Infanterie-Divisionen ,Ulrich von Hutten’ und ,Theodor Körner’“ beleuchtet er das Schicksal zweier „Divisionen“ der Armee, die weit davon entfernt sind von dem, was man in geordneten Zeiten unter einer Division versteht.

Dabei vergisst Heinz Ulrich nicht, dass er nicht nur von militärischen Gruppierungen spricht – sondern auch von unzähligen Menschenschicksalen. So mischen sich in Verlaufsabhandlungen und viele, viele Fakten auch hier und da Zitate von Augenzeugen, von Betroffenen.

Der Diplom-Agraringenieur und Hobby-Historiker wandelt auf einem schmalen Grat: Die einschlägige Literatur zum Thema ist dünn. Die Offiziere der Zeit hatten anderes zu tun, als saubere Aktenberge anzulegen. Was die Gefechte überlebte, landete kurz vor dem Gang in die Gefangenschaft im Feuer. Außerdem, so könnte man denken, ist die sechsjährige Geschichte des großen Sterbens in Europa hinreichend erforscht – da stellt das Wencksche Intermezzo, das bestenfalls einige Wochen existierte, kaum ein lohnendes Forschungsobjekt dar.

Dennoch ist es die Geschichte dieser Truppen wert, erzählt zu werden. Nicht nur, weil sie die letzte Schlacht des Zweiten Weltkrieges entscheidend mitgeprägt hat, sondern weil die hier Gefallenen, Verwundeten und Versehrten doch zum Großteil schon innerlich mit diesem Kriege abgeschlossen hatten: 16- und 17-jährige Jungs, Genesende, Fronturlauber. Einzig die Offiziere und Unteroffiziere waren kriegserfahren. Mit unerfahrenen, mangelhaft ausgebildeten und teilweise schlecht bewaffneten Männern sollten sie die erfahrensten Sturmtruppen der Alliierten aufhalten.

General Wenck, zur Jahrhundertwende in Wittenberg geboren, ist der jüngste General des „Führers“. Und auch wenn seine Truppe erst nach Westen, den Amerikanern und Briten entgegen, ausgerichtet wird – so ist die Umgruppierung Mitte April, als es zum Einsatz von Berlin und an die Ostfront geht, ein Sinnbild für das Chaos dieser letzten Kriegstage: „Ein einziger Fußmarsch hat das Regiment von einer Front zur anderen geführt. Ein Grenadierregiment marschiert in einer Nacht durch das Restgebiet des deutschen Hoheitsbereichs“, zitiert Heinz Ulrich Hauptmann Sulger der Division „Theodor Körner“.

Bei allem Detailreichtum und der damit einhergehenden Fülle an Informationen hätte mehr Lektorat dem Werk Heinz Ulrichs gut getan. So wäre vermeidbar gewesen, dass zwischen Wittenberg und Coswig die Schwarze Elster überschritten werden soll – oder etwa die Rote Armee plötzlich mit „mechanischen“ Verbänden anstelle „mechanisierter“ auf Berlin vorrückt.

Beitrag wider das Vergessen

Dennoch ist das Buch nicht nur für Militärhistoriker interessant, sondern auch für Geschichtsinteressierte zwischen Bitterfeld, Jessen, Dessau und Wittenberg, die Licht im Schlachtennebel der letzten Kriegstage suchen. Auch heute noch liegen die Gräber zahlreicher namenloser Toter in den Wäldern zwischen Elbe und Havel. Wurde zu DDR-Zeiten vermehrt der Gefallenen der Roten Armee gedacht, so ist Ulrichs Buch ein Beitrag gegen das Vergessen, dass viele dieser Toten auch in anderen Uniformen und in zivilen Kleidern steckten.

14,99 Euro plus Versand

Nach Büchern über die Divisionen „Scharnhorst“ und „Potsdam“ beleuchtet Heinz Ulrich nun die in Döberitz aufgestellte RAD-Division „Körner“ und die in Wittenberg aufgestellte Infanteriedivision „Ulrich von Hutten“. Der Umschlag zeigt ein Foto der Ostseite der zerstörten Elbebrücke bei Tangermünde.

EUR 14,99

Das Buch kostet 14,99 Euro plus Versand, ist im Verlag Dr. Ziethen erschienen und kann bei Heinz Ulrich, Butterplan 25, 39240 Calbe/Saale bestellt werden – oder per Telefon unter 039291/51 51 76.

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