Die Sprache der Blumen - Sven Haupt - Illustration: Claudia Gornik - Buchcover
April 13, 2020

Die Sprache der Blumen – Sven Haupt

Von alexander

Die Sprache der Blumen von ist ein Märchen. Ein klassisches Märchen, und gleichzeitig eine Science-Fiction-Geschichte, die ihresgleichen sucht. Es geht um nichts weniger als um den Kampf zwischen Gut und Böse, in einer geostationären , die von künstlicher Intelligenz verwaltet wird, die offensichtlich gerade durchdreht.

Wir treffen darin menschliche Pflanzen, sprechende Bäume und einen „Schwarm“, der sogar den „Schatten“ aus Tintenherz in den Schatten stellt – und finden Antworten auf Fragen, die wir uns wahrscheinlich vorher noch nie gestellt haben.

Aber von vorn: Vor den Augen eines uralten Affen wird die junge Frau Lilian aus einer Blüte geboren. Sie hat keine Geschlechtsmerkmale und grünes Blut. Der Affe George wird – ja, was wird er? Ihr Lotse in dem kilometergroßen Baum, auf dem beide leben? Ein Mentor wie die Figuren aus Hinter dem Horizont? Jedenfalls erklärt George Lilian missgelaunt, gelangweilt und unendlich zynisch ihre neue Lebenswelt. Und wo wir gerade von dieser Welt sprechen: hier bedient sich Sven Haupt uralter Mythen, um in überschaubarem Radius von wenigen Kilometern eine Welt zu erschaffen, die in sich selbst autark sein will. Der Begriff Yggdrasil, die Weltesche der nordischen Germanen, drängt sich förmlich auf. Aber auch andere Kulturkreise haben mythische Gewächse (Austras Koks der Balten, Simorgh-Baum der Perser, der Bodhibaum im Buddhismus) gekannt.

Lilian jedenfalls macht sich gut gelaunt schnell mit ihrer Umwelt vertraut, „überredet“ andere Wesen zu bestimmtem Verhalten und geht auf eigene Faust los, um ihre neue Umgebung zu entdecken, höhere Erkenntnisse zu erreichen. Das geht nicht ohne Probleme ab.

„Ich hätte sterben können!“
„Der Baum gibt es, der Baum nimmt es“, kommentierte der Affe gelassen. „Außerdem stirbt nichts hier im Wald. Dennoch solltest du vorsichtig sein, während wir uns hier bewegen.“

Die Stimme der Blumen, Mystic-Verlag, S. 52f.

Während Die Sprache der Blumen in der ersten Hälfte des Buches unheimlich bunt und exotisch ist, ein fulminantes Märchen eben voller Wunder, wird das Buch in der zweiten Hälfte dann philosophischer, technischer – ja, mehr eben. Fehlerhafter Code wird uns gezeigt als Gravitationsverwerfungen entlang der Baumpfade, die sogar zu Verkrümmungen der Raumzeit führen. Verschlüsselte Archive der irdischen Geschichte tauchen auf und Raumarchen, die zur Besiedlung des galaktischen Raums vorgesehen waren, im Krieg mit dem Bösen aber eine andere Aufgabe bekamen. Und: was ist diese „Böse“ eigentlich, von dem Sven Haupt da schreibt? Und warum will es seine Milch nicht trinken?

Um eine zweite Fabel anzuschneiden: erinnert der erste Teil des Buches an Becketts Warten auf Godot, erfahren wir in der zweiten Hälfte in Manier der Clarkeschen Gesetze, warum uns dieser Weltenbaum wie eine magische vorkommt: „Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.“ – und die Technik, die in dem semiautarken Baumsystem aktiv ist, ist verdammt weit entwickelt.

Aber ist sie auch weit genug entwickelt, um das Böse auszuschalten, dass schon die Erde vernichtet hat, die seit 500 Jahren 36000 Kilometer unter dem Baum ihre Bahn tot durch das All zieht? Wird die menschliche Hüterin schaffen, gegen die Gesetze der Logik und des Programmcodes einen neuen Anfang zu finden? Und: welche Rolle spielen die sprechenden Bäume, die wie die Ents von Tolkien durch den Wald ziehen?

Fazit

Die Sprache der Blumen ist ein überaus intelligentes Buch, dass den Leser von einem unerwarteten Setting abholt und auf verschlungenen Dschungelpfaden in eine hochwertige Sci-Fi-Story führt. Sven Haupts Schreibe ist dabei dicht und stringent – ich habe mich atmosphärisch stellenweise an Karsten Kruschels Geschichten vom Regenplaneten Vilm erinnert. Nach der Lektüre von Der elektrische Engel das zweite gute Buch, dass ich von Sven Haupt lesen durfte.

Über das Buch Die Sprache der Blumen

Die Sprache der Blumen - Sven Haupt - Illustration: Claudia Gornik - Buchcover
Die Sprache der Blumen – Sven Haupt – Illustration: Claudia Gornik – Buchcover

Die Sprache der Blumen erscheint am 15. April 2020 im Mystic-Verlag von Timo Arnold zum Preis von 12,99 Euro und umfasst 302 Seiten. Claudia Gornik hat sich wieder um die (sehr gelungene) Umschlaggestaltung gekümmert. Die ISBN lautet 9783947721443. Über den Entstehungsprozess zum Buch plaudert der Autor auf seinem Weblog.

Klappentext

Wer bin ich? Wo bin ich? Wer oder was ist für mein Schicksal verantwortlich?
Eine Frau erwacht ohne Gedächtnis in einem unbekannten Wald. Wie weiß nicht, wer sie ist und woher sie kommt. Ihre einzige Gesellschaft ist ein wenig hilfreicher, sprechender Schimpanse. Sie trifft auf bizarre, redende Pflanzen, die sie nicht versteht, und merkwürdige Wesen, die sie verfolgen. Gefährliche Begegnungen nehmen ihr fast den Mut in die Geheimnisse dieses Waldes vorzudringen. Dennoch ist sie fest entschlossen, das Rätsel dieser beängstigenden Welt zu ergründen. Sie sucht Antworten auf ihre Fragen.

Über den Autor Sven Haupt

Sven Haupt wurde nach Verlagsangaben 1976 in Bonn geboren. Er hat Biologie studiert und 2008 in kognitiver Hirnforschung promoviert. Er arbeitet als IT-Experte für ein Software-Unternehmen. Seit seiner Jugend schreibt er Blogs, Lyrik und Kurzgeschichten. Näher bin ich nicht an den Autor herangekommen – da er nach Auskunft seines Verlages eher kontaktscheu sei und lieber über seine Bücher als über sich selbst spricht.

Mehr Informationen gibt es beim Verlag.

Mittlerweile ist von Sven Haupt neben „Der elektrische Engel“ am 12. November 2018 eine weitere Kurzgeschichtensammlung unter dem Titel Der endlose Kreis als E-Book erschienen. Im Juni 2019 folgte Die Offenbarung des Uhrwerks und zuletzt im April 2020 „Die Sprache der Blumen„.