Das Lied der fernen Erde - Arthur C. Clarke - Buchcover
August 11, 2020

Das Lied der fernen Erde – Arthur C. Clarke

Von alexander

Ich habe mich lange auf dieses Buch gefreut – und darin besteht ja auch immer eine Gefahr. Was ist, wenn es mir am Ende nicht gefällt? Um ein klitzekleines Fazit vorwegzunehmen: Das Lied der fernen Erde von hat mich nicht enttäuscht. 🙂

Aber von vorn: Wir drehen die Zeit einige Jahrhunderte in die Zukunft. Als um die Jahrtausendwende des dritten Jahrtausends klar wurde, dass die Sonne in absehbarer Zeit in einer Supernova verglühen wird, bereitet sich die Menschheit darauf vor, dass zwar ihr Heimatplanet sterben wird, die Menschheit aber nicht aussterben soll. Kolonistenschiffe werden in die tiefen des Raumes geschickt, um Homo Sapiens das Überleben auf fremden Welten zu ermöglichen. Die Schiffe reisen verhältnismäßig langsam durch den Raum. Eines von ihnen landet auf dem Planeten Thalassa, der zum überwiegenden Teil von Wasser bedeckt ist (Waterworld lässt grüßen). Die Bewohner dieses kleinen sonnigen Paradieses frönen dem Müßiggang. Geburtenkontrolle hält die Bevölkerungszahl auf dem begrenzten Raum der drei Inseln konstant. Und als die Tiefenraumantenne kaputt geht, mit der man Verbindung zu anderen menschlichen Zivilisationen halten könnte, da gibt es ständig wichtigere Sachen, die einer Reparatur zuvorkommen.

Unterdessen entdeckt die Menschheit auf der bald zum Verglühen verdammten Erde eine neuartige Antriebsart für Raumschiffe, die wesentlich schnelleres Reisen ermöglicht. Das letzte Kolonistenschiff der Erde, die Magellan, macht sich auf den Weg zum Planeten „Sagan 2“, um ihn ähnlich wie den Mars nach langem Terraforming bewohnbar zu machen. Der Haken an der Sache: unterwegs muss die Magellan Station auf Thalassa machen, um den Eisschild zu erneuern, der die Reibung des hunderte Lichtjahre währenden Fluges durch das eben nicht ganz leere All absorbieren soll. Und da beginnen die Verwicklungen.

Clarke stellt viele richtige Fragen: was passiert, wenn zwei so unterschiedliche Gesellschaften aufeinandertreffen? Die Frage der gemeinsamen Sprache wischt er verächtlich beiseite. Natürlich verstehen sich die beiden Gruppen. Interessanter wird es da schon, wenn Wissen aufeinandertrifft. Das Kolonistenschiff, dass seinerzeit nach Thalassa aufbrach, hatte zum Beispiel keinerlei Hinweise an einen Gott oder eine Religion in seinen elektronischen Speichern, weil das ohnehin nur Ärger machen würde. Würde es? – Denkt man den Gedanken mal konsequent weiter, landet man in der Frage sogar in der Region von Welles „1984“ – die Bereinigung von Wissen steht ja auch dort immer wieder im Vordergrund. Die Magellan reist mit dem Diplomaten Moses, der sehr wohl weiß, was ein Glaube mit einer Gesellschaft machen kann. Und außerdem ist Clarke nicht so ein Moralapostel wie Orson Welles, sondern will offenbar in seinem Roman auch noch ein Stück weit unterhalten. Deswegen: weiter im Text.

Komik kommt nicht zu kurz. Wenn die Honoratioren der Insel sich in einem uralten, klapprigen Auto auf den Weg zur Landestelle der Fähre machen, muss man schon ein wenig schmunzeln. Ein Präsident wird per Zufallsgenerator bestimmt, denn: jeder, der nach dem Amt strebt, disqualifiziert sich damit für selbiges. Und Zeit für literarische Denkmale bleibt auch noch: der Zielplanet der Magellan wurde nach Carl Sagan benannt. Und Anleihen gibt es auch, als Fletcher versucht, die Meuterei auf der Bounty auf die Magellan zu projizieren.

In Das Lied der fernen Erde geht es um große Fragen: Wie sehen Liebesbeziehungen durch Raum und Zeit aus? Wie viel Lebensraum darf der Mensch sich im Weltall erwarten (und nehmen)? Wie geht man mit anderen Lebensformen im All um, selbst wenn diese (noch) nicht vernunftbegabt sind?

Dabei hätte Clarke viele dieser Fragen gern noch weiter auswalzen dürfen. Zwei Gesellschaften, die aufeinanderprallen und Jahrhunderte zählende unterschiedliche Entwicklungsstufen besitzen, haben in der Vergangenheit zumindest häufig für Konflikte und Unterdrückung gesorgt. Bei Clarke sehen wir nur das väterliche Beschützen der „jüngeren“ Thalassaner durch die Besatzung der Magellan.

Das Buch endet traurig, rührend und atemberaubend. Und es wird mir sehr emotional in Erinnerung bleiben, so wie ich das sonst eigentlich nur von Becky Chambers kenne.

Übrigens: Mike Oldfield scheint das Buch auch sehr gemocht zu haben. Immerhin hat er 1994 ein komplettes Konzeptalbum aufgenommen und damit das Abschiedskonzert des Buches für die Besatzung der Magellan in unsere Welt geholt. Großartige Musik, die ich während des Lesens sehr gern gehört habe.

Fazit

Das Lied der fernen Erde bietet eine ausgewogene Mischung von echter Science und emotionaler Fiction, die das Buch zu einem Lesegenuss machen. Einige Themen hätte man noch ausführlicher behandeln können, für den Lesefluss aber fehlen sie nicht.

Über das Buch Das Lied der fernen Erde

Das Lied der fernen Erde - Arthur C. Clarke - Buchcover
Das Lied der fernen Erde – Arthur C. Clarke – Buchcover

Ursprünglich war die Geschichte als Kurzgeschichte in den 1950er Jahren erschienen. Meine Paperbackausgabe des Romans erschien 1987 unter der Bestell-Nummer 01/6813 in der SF-Reihe von Heyne. Als ISBN lacht mich für diese deutsche Erstausgabe die 9783453024243 vom Buchrücken an. 7,80 D-Mark waren an der Kasse für die 278 Seiten mit ein wenig Anhang fällig. Das Original kam 1986 bei Serendib BV unter dem Titel Songs Of A Distant Earth auf dem Markt. Die Redaktion lag in Wolfgang Jeschkes vertrauten Händen.

Über den Autor Arthur C. Clarke

Am 16. Dezember wurde Sir Arthur Charles Clarke in Minehead, Somerset im schönen England geboren. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitet Clarke als Ground Controlled Approach bei der Royal Air Force. Sehr sympathisch. Er gehörte wohl zu der Erprobungsmannschaft, die die neuartige Technik in Dienst stellten. Sein Roman „Glide Path“ basiert auf diesen Erfahrungen.

Arthur C. Clarke in Colombo, Sri Lanka. Foto: Amy Marash/Public Domain
Arthur C. Clarke in Colombo, Sri Lanka. Foto: Amy Marash/Public Domain

Nach dem Krieg studiert er Mathematik und Physik, interessiert sich für die Möglichkeiten der und zieht Mitte der Fünfziger Jahre nach Sri Lanka, wo er am 19. März 2008 in Colombo auch stirbt. Er zählt neben Robert A. Heinlein und Isaac Asimov zu den Big Three der englischsprachigen Science Fiction.

Neben dem Rama-Zyklus gilt der vierteilige Odyssey-Zyklus (2001 – A Space Odyssey, 2010 – Odyssey Two, 2061 – Odyssey Three und 3001 – The Final Odyssey) zu seinen Hauptwerken.

Neben seiner Arbeit als Phantastik-Arbeit widmete er sich auch ganz banaler wissenschaftlicher Arbeit und rechnete zum Beispiel die Orbitalparameter für geostationäre Satelliten durch. 1945 erscheint sein Aufsatz „Extra-terrestrial Relays – Can Rocket Stations Give World-wide Radio Coverage?“, 19 Jahre später fliegt mit Syncom 3 der erste geostationäre Satellit um die Erde – im seitdem „Clarke Belt“ genannten Orbit.

Clarke sagte die Fähigkeiten des modernen Internets voraus, beschrieb 1979 einen Weltraum-Lift und ging mit den drei „Clarkeschen Gesetzen“ in die Science-Fiction-Geschichte ein:

When a distinguished but elderly scientist states that something is possible, he is almost certainly right. When he states that something is impossible, he is very probably wrong.

The only way of discovering the limits of the possible is to venture a little way past them into the impossible.

Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.

Hin und wieder wird auch ein viertes Gesetz auf ihn zurückgeführt („For every expert there is an equal and opposite expert.“

Dazu kommt sein Gesetz über die revolutionären Ideen: „Every revolutionary idea — in science, politics, art, or whatever — seems to evoke three stages of reaction. They may be summed up by the phrases:

„It’s completely impossible — don’t waste my time“

„It’s possible, but it’s not worth doing“

„I said it was a good idea all along.“

Arthur C. Clarkes Werke erhielten zahlreiche Preise, darunter den Hugo-, Nebula-, Locus- und John-W.-Campbell-Award for Best Science Fiction Novel.