Angela und Karlheinz Steinmüller – Pulaster

Pulaster - Buchcover - Angela und Karlheinz Steinmüller - Illustration: Regine Schulz und Burckhard Labowski

Wir schreiben das Jahr 3110. Fabius Grosser landet auf dem Exoplaneten Pulaster – einer Dschungelwelt, die sich in weiten Teilen parallel zur Erde entwickelt hat – mit einem Unterschied. Vor 65 Millionen Jahren knallte kein Meteorit in die Dinosaurierparty am Ende der Kreidezeit. Und diese Echsen haben sich auf Pulaster zu vernunftbegabten Wesen entwickelt.

Ein Schönheitsfehler bleibt aber: die Hreng, so heißen die Echsen seit dem Beginn ihrer Erforschung vor über 500 Jahren, sind auf der Stufe einer steinzeitlichen Gesellschaft stehengeblieben. Nur vereinzelt begeben sich individuelle Jung-Hreng in die menschliche Gesellschaft, sind lernfähig und arbeitsam und schaffen dort sogar den Sprung in die Ausbildung zur Raumflotte.

Pulaster - Hreng - Angela und Karlheinz Steinmüller - Illustration: Regine Schulz und Burckhard Labowski
Pulaster – Hreng – – Illustration: Regine Schulz und Burckhard Labowski

Zu dieser gehört auch Fabius Grosser. Der Protagonist des Buches von Angelika und Karlheinz Steinmüller ist Antriebstechniker auf einem der Hochgeschwindigkeitsschiffe, die zwischen den Exoplaneten des bekannten Weltalls hin- und herkreuzen. Um die immer noch langen Transportzeiten zu überleben, werden die Besatzungen in persönlichen Kryo-Särgen eingefroren – und fallen damit buchstäblich aus der Zeit. Von einem Stop zum nächsten vergehen teilweise Jahrhunderte. Persönliche Lebensabschnitte werden in SubjZeit gemessen – und eine Beziehung mit einer Kollegin auf einem anderen Schiff zu führen, bringt einige temporal-logistische Probleme mit sich.

Das also waren die berühmten „Geschwister in der Vernunft“! Nackte, blutrünstige Echsen! Kein Wunder, daß sich damals nach ihrer Entdeckung die Kontaktenthusiasten so enttäuscht geäußert hatten. Auch das „zivilisierte“ Hreng vor ihm wirkte in seiner kolossalen Reglosigkeit primitiv, was der unförmige Flottenoverall, der über mächtigen Muskelpaketen spannte, noch unterstrich.

Falls der erste Eindruck nicht trog, war Pulaster tatsächlich ein Planet der Monster, urzeitlich und gnadenlos, eine Welt, die sonst nur als Videosimulation existierte. Die rechte Abwechslung nach dem im Grunde sehr monotonen Flottendienst.

Fabius, der eigentlich nur vier Wochen Urlaub auf Pulaster machen möchte, wird ziemlich zügig in die Gesellschaft der menschlichen Ansiedlung integriert – und bekommt direkt einen Ritterkreuz-Auftrag vom (menschlichen) Planetenchef: Auskundschaften einer Gegend für den Aufbau eines Orbital-Lifts.

Erschwerend kommt hinzu, dass Fabius den Planeten wahrscheinlich nie wieder wird verlassen können. Bei ihm wird eine medizinische Auffälligkeit diagnostiziert, die einen weiteren interstellaren Flug zu einem tödlichen Experiment machen würde. Fabius übernimmt den Auftrag.

Begleitet wird die Expedition von einem Hreng-Spezialisten, zwei „vermenschlichte“ Hrengs und Georgia – eine junge Frau, die auf der Suche nach einer Flasche mit magnetischen Monopolen (Huhu, Sheldon, Leonard, Raj und Howard!) ist.

Als die Truppe bei den ausgesprochen orthodoxen Hreng des Unverrückbaren Dorfes mit Grabungsarbeiten beginnen, eskaliert die bis dahin feindlich-duldsame Stimmung zwischen Expedition und Ureinwohnern. Gabriell, einer der Expeditions-Hreng wird gefangengenommen, das zweite Hreng ist schon vorher desertiert. Die drei Menschen kommen mit einem blauen Auge davon.

Nach seiner Rückkehr plagen Fabius Gewissensbisse. Wie soll er den Kameraden aus dem Dschungel retten? Das Problem wird nicht gerade einfacher durch die Tatsache, dass Forscher eine Lösung für sein Raumflugproblem gefunden haben. In wenigen Tagen kann er vom Planeten verschwunden sein – oder jahrelang dort auf das nächste Schiff warten. Wie wird er sich entscheiden? Gibt es eine Rettung für das Hreng? Gibt es eine Rettung für den Menschen? Eine Zukunft für beide Spezies auf dem sagenhaften Planeten?

Pulaster - Echsenwelt - Angela und Karlheinz Steinmüller - Illustration: Regine Schulz und Burckhard Labowski
Pulaster – Echsenwelt – Angela und Karlheinz Steinmüller – Illustration: Regine Schulz und Burckhard Labowski

Neben der actionreichen Story, die die Steinmüllers da angerührt haben, glänzt Pulaster vor allem mit seinen moralischen Fragen, die dem Leser wie beiläufig vor Augen geführt werden: wie kann der Umgang einer fortschrittlichen Zivilisation mit einer Gesellschaftsform, die offenbar freiwillig auf einer rückständigen Stufe verharrt, aussehen? Welche persönlichen Opfer bringt das (menschliche) Individuum, um einen Freund aus der Gefahr zu befreien?

Und nicht zuletzt: Wie führe ich eine Beziehung, in der sich die beiden Partner ständig auf relativistischen Flügen um extreme Zeitspannen voneinander entfernen? Und was mache ich, wenn da plötzlich jemand anders auftaucht?

Dazu kommen zahlreiche interessante Kleinigkeiten, die mich staunen oder schmunzeln ließen. So wird etwa der -Reader schon relativ klar als „CompuBuch“ beschrieben. Kommunikation und Ortung erfolgt per Armreif. Auch kleine, selbstgesteuerte Drohnen gibt es in dem Buch der Steinmüllers: als knopfgroße „Sondierer“ – die allerdings im XXIX. Jahrhundert aus Sorge um die Verletzung der Privatsphäre verboten wurden. Ganz schön hellsichtig für ein Buch aus den 1980er Jahren, oder?

Das regnerische Klima auf Pulaster erinnert übrigens streckenweise verdächtig an den Regenplaneten Vilm von Karsten Kruschel. Und um die Parallelen zu anderen großen Klassikern zu komplettieren, wundert sich eine Handvoll Mystiker über die Bedeutung der ZAHL – und sieht in ihr die „komprimierte Wahrheit über das Leben, das Universum und den ganzen Rest“. Grüß Dich, Douglas Adams! (Der hat übrigens die gleiche Frage sieben Jahre zuvor im Hitchhiker’s Guide through the Galaxy gestellt.)

Über das Buch Pulaster

Pulaster - Buchcover - Angela und Karlheinz Steinmüller - Illustration: Regine Schulz und Burckhard Labowski
Pulaster – Buchcover – Angela und Karlheinz Steinmüller – Illustration: Regine Schulz und Burckhard Labowski

Pulaster von Angela und Karlheinz Steinmüller ist 1986 zum ersten Mal im Verlag Neues Leben Berlin erschienen. Meine Ausgabe aus der zweiten Auflage wurde ein Jahr später in der Basar-Reihe gedruckt und mit der ISBN 3-355-00160-0 veröffentlicht. Umschlag und Illustrationen steuern Regine Schulz und Burckhard Labowski (die sonst meist unter dem Doppeltitel auftreten) bei – wie schon bei Andymon und Sinobara.

Besprochen wird das Buch unter anderem bei FictionFantasy.

Noch vor der Wende erschien Pulaster auch im „Westen“: der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main brachte den Titel 1988 auf den kapitalistischen Markt. Bei Shayol in Berlin ist das Buch 2008 erneut aufgelegt worden. Der Klappentext zu dieser Ausgabe lautet:

Die langsam fliegenden Weltraumarchen sind passé; mit Schiffen, die bis zur Hälfte der Lichtgeschwindigkeit erreichen, hat sich eine interstellare Flotte etabliert, die weitgehend unabhängig von der Erde agiert und sowohl im Sonnensystem als auch bei anderen Sternen Stützpunkte unterhält. Einer davon befindet sich auf dem Sumpfplaneten Pulaster, wo die einzige nichtmenschliche Zivilisation lebt, die die Menschen bisher entdeckt haben: die Hreng, vernunftbegabte Saurier in einer steinzeitlichen Gesellschaft. Fabius Grosser wollte auf Pulaster eigentlich nur kurz Zwischenstation machen, muß aber wegen einer seltenen Erkrankung bleiben, wahrscheinlich für immer – eine entsetzliche Vorstellung für den Flottentechniker, der es gewohnt ist, im Kälteschlaf Lichtjahre und Jahrhunderte zu überspringen.

Bald aber verwickeln ihn das Fortschrittsstreben der Menschen und der Beharrungswille der Hreng in Konflikte, die ihn dem Planeten und seinen Ureinwohnern näher bringen, als ihm lieb ist.

Auf der Webseite des Autorenduos findet man einen anderen „Klappentext“:

Pulaster könnte sich von „pulcher aster“, schöner Stern, ableiten oder einfach ein verballhorntes paluster, sumpfig, sein, denn Pulaster ist eine Sumpfwelt — zieh dir Gummistiefel an, und paß auf, daß dich die Springlinge, Jungsaurier, nicht über den Haufen rennen! Hierhin, auf die Heimat der Hreng — vernunftbegabten Dinosaurier hat es Fabius, einen Antriebstechniker der irdischen Weltraumflotte, verschlagen. Die urtümliche Natur des Planeten und die primitive Steinzeitkultur der Hreng stoßen ihn ab; lieber begibt er sich mit einer verrückten Wissenschafterin auf eine Expedition zu den Spuren der technisch unendlich überlegenen Außerzeitler! Die Expedition endet in einer Katastrophe — und Fabius lernt auf einer gefährlichen Suchfahrt durch die Urzeitdschungel die Hreng und ihr Geheimnis kennen.

Dort gibt es auch „Pulaster: Tips für eilige Erstbesucher“ und „Erkundungsgeschichte Pulasters: Von der Entdeckung zur Flottensiedlung“.

Über die Autoren Angela und Karlheinz Steinmüller

Die Steinmüllers sind schon eine Wucht. Der eine ist diplomierter Physiker, hat seine Doktorarbeit aber in der Philosophie geschrieben. Die andere nach dem Abitur an der Abendschule Mathematik an der Berliner Humboldt-Uni studiert. Seit den frühen 1980er Jahren haben sich beide vollständig dem Schreiben zugewandt: und da geht es auch kreuz und quer. Neben gemeinsamen Science-Fiction-Erzählungen wie Andymon (welches von vielen Lesern zu einem der besten SF-Bücher der DDR gekürt wurde) und Pulaster gaben beide auch eigene Romane heraus, Kurzgeschichten und Geschichtensammlungen. Daneben aber auch immer wieder Sachbücher. Dr. Karlheinz Steinmüller ist außerdem wissenschaftlicher Direktor und Gründungsgesellschafter von „Z-punkt“, einem Beratungsunternehmen für strategische Zukunftsfragen.

Ein nettes Interview mit den beiden hat Jan Draeger für die Welt mit den Steinmüllers geführt.

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